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Exlibris des Monats Oktober 2019 - Ernst Grünewald: Vereinsgrafik („Den Teilnehmern der Gründungstagung des Deutschen Ex Libris-Vereins 15. Oktober 1949“), Holzschnitt, 1949, 170x100 mm

Exlibris des Monats Oktober 2019 - Ernst Grünewald: Vereinsgrafik („Den Teilnehmern der Gründungstagung des Deutschen Ex Libris-Vereins 15. Oktober 1949“), Holzschnitt, 1949, 170x100 mm

Laut Johann Wolfgang von Goethe ist ein Sammler ein glücklicher Mensch. Goethe musste es eigentlich wissen, war er doch selbst ein leidenschaftlicher Sammler, dessen Kunstsammlung allein um die 26.000 Objekte betrug, daneben sammelte er Autografen, Bücher, Steine, Fossilien, Münzen u.v.a.m. Sigmund Freud hatte eine gegensätzliche Einschätzung des Sammelns, das er eher für ein krankhaftes Verhalten, eine Art Ersatzhandlung, hielt. Er musste es eigentlich auch wissen, denn er sammelte nicht weniger leidenschaftlich als Goethe. Und auch seine Kollektion war umfangreich und vielfältig und enthielt Antiken, Statuetten, Skarabäen, Ringe u.a.
Unabhängig davon, ob wir Exlibris-SammlerInnen und unsere Umwelt durch unsere langjährige jagende und sammelnde Tätigkeit glücklicher oder angespannter geworden sind, ist das Gründungsblatt, das der Bremer Grafiker Ernst Grünewald anlässlich der Gründungstagung des Deutschen Exlibris-Vereins vor genau 70 Jahren geschaffen hat, eine sehr schönes und gelungenes Bild für das, was die Mitglieder dieser Vereinigung bis heute eint.
In der Mitte des recht großen Blattes steht hoch aufgerichtet ein Sammler, der ein Exlibris gegen das Licht hält und sich sogar noch mit der Lupe darin vertieft und verliert. Dass um ihn herum ein rauer Wind weht, der seine Sammeltasche fast wegtreibt, tangiert ihn nicht. Er ist ein glücklicher Sammler.
Betrachtet man das Blatt genauer und bezieht das Datum, also den 15. Oktober 1949, mit ein, dann erschließen sich auf dem auf den ersten Blick einfachen Holzschnitt viele bedenkenswerte und berührende weitere Aspekte.
Denn wo steht der Sammler da? Inmitten einer Stadt, sozusagen auf deren Hauptplatz. Die Stadt ist kreisförmig mit ihren Fronten zum Hauptplatz hin aufgebaut und der Schriftzug der Widmung umgibt sie wie eine zusätzliche Schutzmauer. Ob Grünewald mit dieser Stadt Bremen, seine Heimatstadt, oder Frankfurt, die Gründungsstadt des Vereins, vor Augen gehabt hat, weiß man nicht genau, aber genau weiß man, dass beide Städte im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurden und 1949 nicht die geringste Ähnlichkeit mit dieser stilisierten altdeutschen Idylle aufwiesen. Und wenn man den Sammler ein weiteres Mal genau ins Augenmerk nimmt, dann fällt auf, dass er sehr mager ist, dass seine Kleidung recht dünn und verschlissen wirkt und dass sein linker Fuß aussieht, als habe er eine Verletzung erlitten.
Ist es das, was Ernst Grünewald, selbst im Krieg verwundet, den Tagungsteilnehmern mitteilen will? Dass das Sammeln auch dabei hilft, Gutes, Glückliches wieder entstehen zu lassen? Vielleicht auch Kraft zum Neuanfang, Wiederaufbau gibt?
Die Lateiner hätten das Blatt vielleicht mit dem Titel Per aspera ad astra versehen, was ausdrücken will, dass man durch raue und quälende, mühsame Wege zu den Sternen gelangt – und die stehen um Grünewalds Sammler herum …

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats September: Karl Bloßfeld: Exlibris für Dr. med. A. Bräuer, Radierung, 1950

Exlibris des Monats September: Karl Bloßfeld: Exlibris für Dr. med. A. Bräuer, Radierung, 1950

Am 1. September 2019 jährt sich zum 80. Mal der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen.

An diesem Tag wird in Deutschland der Antikriegstag begangen, um der Opfer dieses und aller anderen Kriege zu gedenken. Leider ist sich die Welt wie in vielem andern auch nicht einig darüber, an welchem Tag international die Forderung nach Frieden vertreten werden sollte. Vor der Wiedervereinigung feierte bereits die DDR an diesem Tag viele Jahre lang den Friedens- (auch Weltfriedens-)Tag, in der BRD wurde seit 1956 ein Antikriegstag begangen. Die katholische Kirche begeht ihren Weltfriedenstag am 1. Januar, die Vereinten Nationen haben ihren International Day of Peace am 21. September auf dem Programm. Diesem Datum hat sich auch der Ökumenische Rat der Kirchen mit einem Internationalen Gebetstag für den Frieden angeschlossen, um alle Kräfte, die für den Frieden werben, zu unterstützen. – Trotz der vielen Gedenktage allerdings sind wir noch weit entfernt vom allgemeinen friedlichen Zusammenleben aller Menschen auf der Welt.

Gegen den Krieg und für Frieden wirbt auch das Exlibris, das der deutsche Exlibriskünstler Karl Bloßfeld (1892–1975) für den Großsammler Dr. Arthur Bräuer radiert hat. Über eine rurale Landschaft, in der sich Scharen von miteinander Kämpfenden tummeln, schreitet die monsterhafte Figur des Kriegs, die in der linken Hand eine Schar Menschlein zerdrückt. Wo das riesige affenartige Monster hintritt, hinterlässt es eine Spur der Zerstörung. Bei der Bildkomposition hat sich Bloßfeld vielleicht von der ersten direkt für den Film erfundenen Monsterfigur King Kong (1933) inspirieren lassen. Im Hintergrund sehen wir als Gegenbild im hellen Licht eines Strahlenkranzes einen antiken Frauenkopf als Symbol des Friedens. Das Motto „IN ARTE PAX“ (In der Kunst ist Frieden) verrät die Intention von Künstler und Auftraggeber.

(Heinz Decker)

Exlibris des Monats August: Hanna Głowacka: Exlibris für Emil Kunze, Radierung und Aquatinta, 2005

Exlibris des Monats August: Hanna Głowacka: Exlibris für Emil Kunze, Radierung und Aquatinta, 2005

Exlibris des Monats August: Hanna Głowacka: Exlibris für Emil Kunze, Radierung und Aquatinta, 2005

Exlibris des Monats August: Hanna Głowacka: Exlibris für Emil Kunze, Radierung und Aquatinta, 2005

August – das ist Sommer. Sommer – das sind Ferien, das ist Urlaub, das sind Reisen, sonnige Tage am Strand oder zuhause auf dem Balkon oder in Parks und Gärten. Gesellige Grillabende, laue Abende in Straßencafés oder in gemütlichen Straußenausschänken. Auf jeden Fall: sich frei fühlen, draußen sein, Spaß haben.

An vielen Orten ist es auch die Zeit der Freilichtbühnen – einer anderen Form des Theaters während der offiziellen Theaterferien der Schauspiel- und Opernhäuser. Theater im Freien: in romantischen Innenhöfen, vor imposanten Naturkulissen oder malerischen Schloss- und Klosterruinen. Oft entspricht das Programm der Aufführungen der sommerlichen Atmosphäre der Schauplätze; es werden mehr Komödien als Tragödien gespielt, die Stimmung im Zuschauerraum ist erwartungsfroh, entspannt, heiter. Man will nicht nur das Theaterstück, die Schauspielkunst und Regieführung genießen, sondern eben auch den schönen Ort und den schönen Sommerabend; meist ist es noch am Ende der Aufführung ein wenig dämmrig.

Eines der besonders häufig gespielten Stücke bei diesen Gelegenheiten ist Shakespeares Komödie Sommernachtstraum. Der Reiz dieser Komödie besteht in dem raschen und unvorhersehbaren Aufeinandertreffen von Personen aus unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen (Herrscher, Liebende, Elfen und Handwerker). Theseus, der Herzog von Athen, will die Amazonenkönigin Hippolyta heiraten; die Hochzeitsvorbereitungen sind in vollem Gange. Da platzt ein Athener Edelmann herein, Egeus, der den Herrscher um Beistand bittet. Seine Tochter Hermia soll Demetrius heiraten, ist aber in einen anderen, nämlich in Lysander, verliebt. Hermias Freundin Helena wiederum liebt den von Hermias Vater für diese bestimmten Demetrius. Theseus legt Hermia Gehorsam gegenüber dem Vater auf, und diese beschließt, mit Lysander zu fliehen. Dazu verabredet sie sich mit dem Geliebten für den folgenden Abend im Wald. Dort proben bereits sechs Athener Handwerker für die Aufführung einer tragischen Komödie, die sie bei der Hochzeit ihres Herzogs darbieten wollen. Versteht man bislang die Handlung und die Vorhaben, Pläne, Geheimnisse und Sehnsüchte der vielen Personen, so kommt es im Laufe der Handlung dann im nächtlichen Wald zu vielfältigen komischen, tragischen und grotesken Zusammenkünften, Vorfällen, Verwandlungen (so erhält einer der Handwerker, Zettel, einen Eselskopf), Verwechslungen und Missverständnissen, in die sich außerdem noch ein Puck und die Elfen und deren Herrscherpaar Oberon und Titania mit allerlei Zauber und einem Liebesnektar einmischen; letzteren träufeln sie teils irrtümlich, teils aber auch vorsätzlich auf die falschen Personen. Die Verkleidungen der Schauspieler tun ein Übriges. Wer ist in dieser Nacht wer? Und wer spielt wen? Und wer liebt wen? Und wer liebt nur als Folge eines Zaubers? Und wessen Liebe ist darüber verflogen? Und wer vermag sich nach vielen Verstrickungen und Verwirrungen wieder zurechtzufinden und zum richtigen Partner zurückzufinden? Das alles lässt sich in wenigen Sätzen nicht zusammenfassen, aber ein Zitat aus dem Stück kann diese Zusammenfassung überzeugend leisten:

„Die Liebe sieht nicht, sondern träumt und sinnt,
Drum malt man den geflügelten Amor blind.
Auch hat ihr Traum von Urteil keine Spur:
Flügel und blind! So hastet Liebe nur,
Die Liebe, die man oft ein Kind drum nennt,
Weil ihre Wahl sich kindisch oft verrennt.“

Auch Hanna Głowacka ist in ihrem Exlibris für Emil Kunze eine Art Zusammenfassung der Komödie gelungen: Da sitzt der eselsköpfige Zettel, an einen Baum gelehnt, und in seinem Schoß ruht die Elfenkönigin Titania. Hinter diesem spärlich bis kaum bekleideten Paar (Shakespeare-Kenner mögen wissen, dass beide von Puck auf Befehl Oberons so manipuliert worden sind, dass sie sich in dieser romantischen Situation befinden) tummeln sich in dem von Sternen erleuchteten Wald paarweise Liebende und einsame MondanbeterInnen, die dem Zauber der Sommernacht oder dem Zauber des Nektars oder auch dem Zauber der Liebe verfallen sind.

Die DEG wünscht Ihnen erlebnisreiche sommerliche Theaterabende im Freien, dabei kann auch das folgende Zitat Shakespeares zur Orientierung beitragen: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab“.

(Ulrike Ladnar)

Jean Lebedeff, Exlibris für Louis Lanoizelée, Holzschnitt 1951

Exlibris des Monats Juli 2019: Jean Lebedeff, Exlibris für Louis Lanoizelée,
Holzschnitt 1951

Was an der Beschäftigung mit Exlibris so viel Freude macht, ist u.a., dass man immer wieder sehr viele neue Perspektiven und Zusammenhänge entdecken kann, so auch auf dem Exlibris des Monats Juli. Es wurde 1951 von dem Holzstecher Jean Lebedeff für Louis Lanoizelée gefertigt. In den 1950er Jahren waren Exlibris oft noch buchgerecht, wie man das heute nennt, also für den Gebrauch geeignet: recht klein und mit einem klaren gegenständlichen und realistischen Motiv und dem gut lesbaren Namen des Buchbesitzers versehen.

Das Motiv des Künstlers ist nicht besonders originell, kennt man es doch aus Parisbesuchen und aus zahlreichen Filmen: Es handelt sich um die realistische Darstellung von Bouquinisten und ihren Ständen am Seineufer.

Bei genauerem Hinschauen sieht man im Hintergrund die beiden Türme der Kathedrale Notre Dame, deren Brand im April dieses Jahres nicht nur die Menschen in Paris, sondern weit darüber hinaus in der ganzen Welt bewegt hat. Der Vordergrund verrät uns, dass wir den Quai des Grands Augustins sehen. Ein Bouquinist sitzt auf einem mit einem Kissen zum längeren Verweilen ausgestatteten Schemel und liest. Auf potentielle Kunden achtet er so wenig wie auf die große Stadt, die sich hinter ihm zeigt. Aime la vie, so fordert ein Spruch auf einem Band auf, der wie eine Wolke über den Türmen von Notre Dame schwebt, man solle also das Leben lieben, und das werde Früchte tragen. Ob der Bouquinist einem diese Lebensweisheit mitteilen will, ob er sie gerade liest oder ob der Künstler sie angesichts der gut beobachteten Szene formuliert, weiß man nicht, aber man denkt nach über diese Art, das Leben zu lieben: Sie besteht nicht im eiligen Durch-das-Leben-Laufen, um möglichst viel zu sehen und zu erleben, dort hinten in der schönen Stadt oder anderswo, sondern darin, sich leise und konzentriert zu versenken in das, was wichtig für einen ist, für den lesenden Mann ist das sein Buch. Und im Hintergrund warten schon die nächsten…

Der Künstler, Jean Lebedeff (1884–1972), war der Sohn eines russischen Getreidehändlers. Er erhielt eine Ausbildung auf See und war als Kapitän auf einem Wolgaboot tätig. Er floh dann aus Russland, weil er Repressalien befürchten musste, und lebte ab 1909 in Paris, wo er mit zahlreichen Künstlern bekannt wurde und seine Berufung fand, als er die Xylografie, also die Holzschneiderei, erlernte. Seine Kunst nutzte er nicht nur dafür, Hunderte von Büchern zu illustrieren, zahlreiche freie Grafiken und Exlibris zu stechen, sondern im Zweiten Weltkrieg auch zum Fälschen von Ausweisdokumenten für jüdische Flüchtlinge, die er vor der Gestapo schützen wollte. Den Besitzer des Exlibris, Louis Lanoizelée (1896–1990), kannte und schätzte er, denn er hat zahlreiche Bücher dieses außergewöhnlichen Menschen illustriert und so zu bibliophilen Werken gemacht.

Lanoizelées Leben war so außergewöhnlich wie das von Lebedeff. Er ist der Sohn eines Minenarbeiters im Nivernais; seine Schulausbildung dauerte nur drei Jahre. Ab 1908 arbeitete er in unterschiedlichen Zusammenhängen: als Diener, Radbauer, Bergarbeiter, Fuhrmann u.a. Vier Jahre lang kämpfte er im Ersten Weltkrieg, danach setzte er sein arbeitsreiches Leben in Paris und anderswo fort. 1931 begann Lanoizelée zu schreiben, und im Jahr 1935 ließ er sich als Antiquar auf den Grands Augustins nieder, wo er über 42 Jahre lang auf demselben Platz seine Bücher anbot – oder Bücher las und Bücher schrieb. Denn seine Werkliste ist sehr lang, man verdankt Lanoizelée neben Erzählungen, Zeitungsartikeln und Biografien vor allem zwei bedeutende Werke: eine umfangreiche Studie über den Bergbau in seiner Heimat und eine Studie mit dem Titel Les bouquinistes des quais de Paris, deren Illustrierung übrigens Jean Lebedeff zu verdanken ist, der für den Einband eine Szene wählte, die der auf dem hier vorgestellten Exlibris sehr ähnlich ist.

Eine letzte Bemerkung: Die Lebensdaten der beiden Künstler, die beide in schwierigen Zeiten leben mussten und ihre Lebenswege nicht unter günstigsten Umständen begannen, lässt hoffen, dass die Beschäftigung mit Kunst und Literatur und Büchern mindestens genauso gesund ist wie der in diesem Zusammenhang meistens besonders gerühmte Sport.

(Ulrike Ladnar)

Safiya Piskun: Exlibris für J.H. (= Johan Hellekate), Radierung, 2019

Exlibris des Monats Juni 2019

Traditionellerweise stellen wir als Exlibris des Monats Juni das Bucheignerzeichen des DEG-Wettbewerb-Gewinners bzw. der -Gewinnerin vor, das auf der DEG-Tagung Anfang Mai von den anwesenden Teilnehmern zum besten im abgelaufenen Jahr gestalteten Exlibris gewählt wurde. Da in diesem Jahr zwei Exlibris die gleiche Stimmenzahl erhielten, ging der Preis an zwei Künstler, so dass dieses Mal auch zwei Grafiken für das „Exlibris des Monats“ vorzustellen sind:

Safiya Piskun: Exlibris für J.H. (= Johan Hellekate), Radierung, 2019

„Lebenszyklus“ ist das Exlibris von Safiya Piskun betitelt. Eine nach links gerichtete schwangere Frau auf satter Wiese trotzt in aufrechter Haltung heftigem Gegenwind. Ihr langes Haar und das umwickelte Gewand werden vom Wind gegen den rechts hinter ihr stehenden knorrigen Baum geblasen, von diesem gestoppt und gleichsam aufgesogen. Auf Vereinnahmung aus treibt der Baum Äste und Wurzeln gegen die rechte Gestalt. Die einst junge, kraftstrotzende Frau ist zum Tod geworden, kleiner, in sich zusammengesackt, das Gewand, in gleicher Schraffur wie der Baum, nun nicht mehr horizontal bewegt, sondern vertikal zum Boden herabhängend.

Der Lauf des Lebens, nicht als traurig empfunden, sondern gewissermaßen nach vorn schauend, und wenn die Zeit für unabänderliche Wendungen kommt, diese „gut“ annehmend. Dafür stehen nicht nur Gesten wie die in Augenhöhe emporgehobene blühende Blume, sondern vor allem die Farben. Dort, wo die Wiese im Vordergrund das Gewand „berührt“, schießen bunte Blumen in die Höhe wie treue Begleiter, blau, gelb, grün, weiß. Auch der Baum, der die meisten Blätter wohl schon abgeworfen hat, sendet noch zahlreich leuchtende Farbsignale. Und selbst an die dunkle rechte Figur reichen blumige Farbtupfer heran.

Bemerkenswert, dass Safiya Piskun im DEG-Wettbewerb, an dem Künstler jeweils mit insgesamt bis zu 8 Grafiken teilnehmen können, nur mit diesem einen Exlibris vertreten war und dass diese eine Grafik sowohl das Publikum als auch die Jury überzeugte, denn die Juroren platzierten die Künstlerin damit auf Rang 1 im Künstlerwettbewerb.

Safiya Piskun, 1982 in Minsk geboren, erhielt mehrmals Stipendien des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), die sie an die Kunstakademie Münster/Westfalen führten. Abgesehen von einem ersten Exlibris 2003, hat sie seit 2008 rund 65 Exlibris-Radierungen geschaffen. Zurzeit zeigt das dänische Frederikshavn Kunstmuseum & Exlibrissamling eine gemeinsame Werkschau von Safiya Piskun und ihrer gleichfalls aus Minsk stammenden Künstlerkollegin Marina Maroz.

Andreas Raub: Exlibris für Wolfgang Fiedler, Radierung, 2018

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Andreas Raub: Exlibris für Wolfgang Fiedler, Radierung, 2018

Der Titel der Exlibris-Radierung von Andreas Raub lautet „Die vier Elemente“. Ein Fisch (= Wasser), eine Feder (= Luft), braungelbe, rotgefleckte Herbstfarbe (= Feuer) und Blattgrün (= Erde) sind in die Form eines Ahornblattes eingearbeitet. Seine weit ausladende Gestalt bot dem Künstler eine einzigartige Möglichkeit, die vier Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde einzufügen; die Integration gelingt perfekt, obwohl das Blatt eigentlich nur drei „Unterabteilungen“ aufweist. Die äußeren Blattzacken nehmen in idealer Weise die gezackten Flossenformen des Fisches auf; Federkiel und Federfahne fügen sich zu den Strukturen von Blattrippe, -aderung und -spreite; ebenso wie die braune und die grüne Farbe die natürlichen Farben des Blattes aufgreifen. Man wird an raffinierte Vexier-Exlibris des Künstlers erinnert. Die feuerroten Flecken sind handkoloriert; ansonsten sind alle Farben der Radierung und Aquatinta von einer Platte gedruckt.

Raub erzählt, dass ihn u.a. ein Gedicht des österreichischen Poeten Georg Trakl (1887–1914) zu diesem Exlibris inspirierte. Die letzte Zeile des Gedichts „Landschaft“ beginnt mit den Worten: „In roter Flamme verbrannte ein Baum“. Kurz vor dem Ende stehen sie rätselhaft zu den beiden Hauptteilen des Gedichts, in denen der bedeutende Vertreter des literarischen Expressionismus die Beschlagung eines Pferdes und ein Naturbild mit Teich und Waldsaum ersinnt. Für Raub waren sie ein Anreiz zur bildlichen Umsetzung seiner Auffassung des Elements Feuer im vorliegenden Exlibris.

1967 in Münster/Westfalen geboren, hat Raub seit 1995 rund 500 Exlibris geschaffen. Mit seinen Architekturen und Industrielandschaften, Naturdarstellungen, Motiven aus der Filmkunst und literarischen Themen ist er zu einem der beliebtesten zeitgenössischen deutschen Exlibriskünstler geworden.

(Henry Tauber)

Dr. Karl Theodor Weiß für sich selbst, Farblithografie, 1901

Exlibris des Monats Mai 2019: Dr. Karl Theodor Weiß für sich selbst, Farblithografie, 1901

Convallaria majalis, das Maiglöckchen, ist nicht das, was es zu sein scheint. Es heißt Maiglöckchen, blüht aber auch schon im März. Es sieht süß aus, ist aber giftig. Es ist ein Spargelgewächs, hat aber keine Ähnlichkeit mit Spargeln. Den Medizinern und Apothekern hat es sich angedient und hilft gegen bestimmte Herzinsuffizienzen. Als Symbol für Heilkunde wird es in der Heraldik gemeinhin heraldisch rechts gewendet. Kopernikus ließ sich mit einem Maiglöckchen abbilden. Für uns trägt es zum aromatischen Duft des Frühlings bei.

Der Besitzer des abgebildeten Maiglöckchen-Exlibris war ein Doktor, aber kein Arzt, sondern ein Doktor phil. Er hat nach Aussage des Gutenberg-Katalogs das Blatt selbst gefertigt und das Maiglöckchenmotiv wohl nicht wegen des Gifts, sondern wegen der Farbe Weiß, die zu seinem Namen passt, gewählt. Großen Wert hat Weiß auf die kunstvolle typographische Gestaltung seines Namens gelegt.

In der vom Jugendstil beeinflussten symmetrischen Komposition bilden die beiden zueinander geneigten Pflanzen mit den sich kreuzenden Federn einen Rahmen, der dem Blatt seine ästhetische Besonderheit gibt. Die Federn mögen darauf hinweisen, dass der Doktor Weiß auch eine schriftstellerische Ader hatte. Aber vielleicht war der Doktor ja verliebt, oder er wollte den Monat Mai als den Monat der Liebenden apostrophieren, und die Federn sind literarische Pfeile Amors. Darunter finden wir die Initiale ‚W‘ in einem roten Herz. Auch der obere Bildteil mit den Blüten ähnelt der Form eines Herzens.

„Si ist des liehten meien schîn“, heißt es im Minnesang, und die Minnesänger hatten eine klare Vorstellung von der Liebe.

Warum soll dieses schlichte Gebrauchsexlibris, das ich in einem Buch in einer Bananenkiste auf dem Flohmarkt fand, Exlibris des Monats sein? Weil viele Sammler heute solche Blättchen geringschätzen und weil es ohne solche Blättchen keine Sammelbewegung gäbe.

Heinz Decker

Künstler ungenannt für Alphonse Karr, Radierung, 1895

Exlibris des Monats April 2019: Künstler ungenannt für Alphonse Karr, Radierung, 1895

Ein heiteres Exlibris soll auf die uns bevorstehenden sonnigen und warmen Monate mit ihren vielen Blumen und den um sie herumfliegenden Insekten, den Bienen und Wespen, einstimmen.

Das Exlibris wurde für den bekannten französischen Romanschriftsteller Alphonse Karr (1808–1890) entworfen. In der Mitte des Blattes steht in Anspielung an dessen schriftstellerische Tätigkeit ein Schreibpult, auf dem eine in ein großes Tintenfass getauchte Feder vielleicht darauf wartet, dass der Schriftsteller sie ergreift und einen seiner markanten und geistreichen Sprüche notiert. Die untere Bildhälfte gehört den wild wuchernden hellen Blumen, die obere den stachligen fliegenden Insekten, über die wir uns früher, als sie jede Kaffeetafel auf dem Balkon oder im Garten gestört haben, geärgert haben, die wir aber inzwischen nachhaltig schützen müssen, um unsere Lebensqualität zu erhalten.

Auf den zweiten Blick verändert sich die frühlingshafte fröhliche Atmosphäre und macht einer leisen Memento mori-Stimmung Platz. Erinnert das Stehpult nicht an einen Grabstein? Blüht es da nicht aus einem Grabhügel heraus? Das Exlibris entstammt einem seltenen Buch, das L. Joly 1895 unter dem Titel Ex-Libris imaginaires et supposés de personnages célèbres anciens et modernes in Paris herausgegeben hat und das mit 35 radierten Exlibris an große Persönlichkeiten aus Politik, Literatur, Malerei, Medizin und anderen Bereichen erinnern soll, so eben auch an Alphonse Karr. Die Exlibris dieses Buches sind keine realen, von einer Person für ihre Bibliothek bei einem Künstler in Auftrag gegebenen, sondern sozusagen fiktiv. Der (ungenannte1) Künstler versucht, mit seinen imaginären Buchzeichen durch ein auf den ersten Blick einfaches, dann aber durch Andeutungen und Metaphern weite Perspektiven eröffnendes Motiv eine Art Essenz der Bedeutung der mit einem Exlibris geehrten Persönlichkeit zu geben. (ExlibrissammlerInnen verwenden hierfür meist die Begriffe Dedikations-Exlibris oder Pseudo-Exlibris.)

Noch tiefschichtiger wird das Blatt, wenn man nach der melancholischen Assoziation zu dem Hügel noch weitere Andeutungen und Metaphern des Blattes aufgreift und ihnen nachgeht. Einige Hinweise dazu seien hier gegeben.

Alphonse Karr war nicht nur Romanschriftsteller, sondern auch Gartenliebhaber, der täglich Erkundungen in seinem Garten vornahm. Sein bekanntestes Werk über diese Gartenaufenthalte, die er selbst Gartenreisen nennt und in denen er minutiös das Leben der Pflanzen und Insekten, auch der fliegenden, schildert, heißt: Voyage autour de mon jardin, deutsch: Reise durch meinen Garten.

Außerdem war Karr Satiriker: Im Jahr 1839 gründete er die satirische Zeitung Les Guepes, deutsch: Die Wespen. Natürlich passt zu diesen Insekten gut die französische Redewendung über das Stechen (frz.: piquer) und Gestochenwerden: Qui s'y frotte s'y pique, deutsch: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Fühlen musste Karr die Folgen seiner erbitterten Gegnerschaft zu Napoleon III: Nach dem gescheiterten Staatsstreich im Jahre 1951 musste er Frankreich verlassen und ging in die damals italienische Stadt Nizza ins Exil. Dort verstärkte er seine Tätigkeit als Gärtner, insbesondere seine Leidenschaft für Blumen, so dass wir für die untere Bildhälfte eine weitere Erklärung finden. Er gilt er als Begründer der sog. Blumenriviera, des Teils der Riviera zwischen San Remo und Bordighera, der statt von Zitrushainen von Blumenfeldern geprägt ist. Dort starb er auch. – Zwei nach ihm benannte Pflanzen, eine Bambuspflanze und eine Birnensorte, dürften inzwischen verbreiteter sein als seine Romane.

Anmerkung 1: Das Frontispiz des Buches stammt von dem Maler und Grafiker Joseph Apoux (1846–1910), der um 1900 vor allem pornografische Grafiken fertigte.

Ulrike Ladnar

Frank-Ivo van Damme: Exlibris für das Museo Ideale Leonardo da Vinci, Radierung, Op. 241

Februar 2019 - Frank-Ivo van Damme: Exlibris für das Museo Ideale Leonardo da Vinci, Radierung, Op. 241

Bereits am 2. Januar begannen die Zeitungen, uns alle auf ein ganz besonderes Jubiläumsjahr vorzubereiten, beispielsweise in der ZEIT unter dem Titel IM UNIVERSUM DES MEISTERS. Der Meister, das ist LEONARDO DA VINCI, dessen Todesjahr sich in diesem Jahr zum 500. Mal rundet.

Schon liegen die ersten neuen Biografien auf den Büchertischen, und man liest von in ganz Europa geplanten Ausstellungen: Italien zeigt Ausstellungen in Turin, Mailand und Florenz, der Louvre plant eine große Ausstellung von (fast) allen Gemälden Leonardos im Herbst, die Royal Collection will an 12 Orten in Großbritannien ihre Sammlung von Leonardo-Zeichnungen präsentieren, um nur einige große Vorhaben anzusprechen. Aber auch viele kleinere Städte und Vereine haben sich teilweise sehr originelle Projekte vorgenommen. Und es liegen längst viele Angebote für City- und Kulturreisen zu allen diesen Stätten vor.

Aber schon drei Wochen nach den enthusiastischen Erstankündigungen ist der Tonfall der Zeitungsberichte verändert: Hype und Streit um Leonardo da Vinci, so liest man in der WAZ vom 24. Januar dieses Jahres, wo dann lapidar konstatiert wird, dass „alle etwas vom Hype um das Universalgenie abhaben“ möchten. Italien, wo der Künstler, Forscher, Erfinder geboren wurde, und Frankreich, wo er gestorben ist, „streiten um das größte Stück vom Kuchen“. Bereits als vereinbart geltende Leihgaben sollen nun doch nicht den Weg in den Louvre finden, so beispielsweise der "Vitruvianische Mensch", der sich in Venedig befindet.

Auch wir wollen unsere Mitglieder frühzeitig im Jahr auf alle diese Aktivitäten hinweisen, und wir tun es mit einem Exlibris des belgischen Künstlers Frank-Ivo van Damme (*1932), auf dem eben dieses Motiv zu sehen ist. Das Konzept des Vitruvianischen Menschen ist nicht neu, sondern wurde bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. von dem römischen Architekten Vitruv entwickelt, aber seinen Siegeszug in der Kunst trat es durch Leonardo da Vincis um 1492 entstandene Federzeichnung an. Auf dieser wohl berühmtesten Zeichnung Leonardos wird die Harmonie der menschlichen Proportionen so simpel wie überzeugend nachgewiesen: Ein aufrecht stehender Mensch fügt sich mit ausgestreckten Armen und Beinen sowohl in ein Quadrat als auch in einen Kreis ein.

Frank-Ivo van Damme hat das Exlibris für das Museo Ideale Leonardo da Vinci geschaffen; ob es von diesem in Vinci, dem Geburtsort Leonardo da Vincis, gelegenen Museum geordert wurde oder aber diesem von dem Künstler gewidmet worden ist, konnte ich leider nicht herausfinden. Aber dass Sie auf dem Blatt noch sehr viel mehr herausfinden werden, als hier erwähnt worden ist, das ist sicher. Wenn Sie genau hinschauen, entdecken Sie bestimmt Hinweise auf den Tüftler, den Erfinder Leonardo da Vinci. Dass er selbst zu sehen ist, muss nicht erwähnt werden. Auch sein berühmtestes Gemälde wird zitiert, zumindest ein Körperteil der darauf gemalten Frau. Insofern wird das Exlibris selbst ein kleines Museum für den Kunstliebhaber, der Puzzles liebt. Und Leonardo da Vinci.

(Ulrike Ladnar)

Norbert Salzwedel: PF 2019 der DEG, Kupferstich

Grafik des Monats Januar 2019 – Norbert Salzwedel: PF 2019 der DEG, Kupferstich
Alles Gute für 2019!

Liebe Freundinnen und Freunde des Exlibris!

Der Neujahrsgruß der DEG für 2019 zeigt ein Stillleben mit dem Blütenkopf einer vergehenden Sonnenblume und einer blühenden Lilie in schlanker Vase; Vergehen und Werden, die uns unser Leben lang begleiten, hier versinnbildlicht durch die sterbende Königin des Sommers und das, neben vielem anderen, Licht und Liebe symbolisierende Irisgewächs.

Das Blatt hat der 1950 in Berlin geborene Grafiker Norbert Salzwedel geschaffen, der 2018 in Wurzbach den Wettbewerb der DEG für die beste Gelegenheitsgrafik gewann. Den Druck des Blattes übernahm Andreas Raub. Salzwedel gehört zu den vergleichsweise wenigen zeitgenössischen Exlibriskünstlern, die sich noch mit dem arbeitsaufwendigen, Zeit und Kraft fordernden Kupferstich befassen. Er steht ganz in der Tradition des deutschen Kupferstichs und zählt zu seinen wichtigsten Vertretern in der aktuellen Exlibrisszene.

Immer wieder setzt sich der Künstler in seinem Werk mit dem Vanitas-Thema auseinander, mit Sujets der Vergänglichkeit, dem ewigen Kreislauf von Kommen und Gehen, neuem Aufleben und Dahinscheiden, Anfang und Ende. Bei aller Schönheit wird in der Natur Erblühendes verwelken, und auch die Schnittblume ist letztlich dem Tod geweiht – wie auf dem DEG-PF-Blatt für 2019 dargestellt. Das alte Jahr geht, es hat manchen Kummer, aber auch viel Gutes und Schönes gebracht; das neue Jahr kommt und möge gleichfalls viel Gutes und Schönes bringen.

Der Vorstand der DEG wünscht allen seinen Mitgliedern und darüber hinaus den Freundinnen und Freunden des Exlibris in der ganzen Welt alles Gute für das kommende Jahr, Glück, Gesundheit und Frieden!
Herzlichst
Dr. Henry Tauber 
für den DEG-Vorstand

(Der Original-Kupferstich von Norbert Salzwedel wird mit der nächsten Ausgabe der DEG-Mitteilungen an alle DEG-Mitglieder versandt.)

Dezember 2018: Oleksiy Fedorenko für Tonquing Zhang, kol. Radierung, 2018

Ein schönes Winterbild hat Oleksiy Fedorenko auf das Exlibris für Tonqing Zhang gezaubert, und das englische (und praktischerweise auch deutsche) Wort Winter am oberen Ende einer Leiter,auf das sich der ukrainische Künstler und der chinesische Eigner wohl als Titel geeinigt haben, sorgt dafür, dass man auch auf alle Anzeichen dieser Jahreszeit achtet, die der Künstler untergebracht hat. Und man kann viel finden: eine vollständig zugeschneite Waldlandschaft, kahle Bäume, auf denen Schneeflocken glitzern, dicke weiße Schneewolken am dunklen Himmel, rechts von der Leiter einen Holzfäller mit seiner Axt, dessen Schuhe tiefe Spuren im Schnee hinterlassen. Ein Blatt, das also sehr gut im Monat Dezember betrachtet werden kann und das sogar Weihnachtsstimmung aufkommen lässt. Denn wohin soll der Holzfäller schon gehen als tief in den Wald hinein, um hinter den vielen Laubbäumen einen besonders schönen Tannenbaum zu suchen?

Dem Geschehen auf der linken Bildhälfte scheint er keine Aufmerksamkeit (mehr?) zu schenken. Dort hält ein anderer Mann die diagonal sich aufrichtende, bild- und szenebeherrschende Leiter fest. Mit dieser Leiter greift der Künstler, der sich in seinen Grafiken sehr häufig auf die große Maltradition vor allem der Renaissance zurückbesinnt, ein besonders altes Motiv auf: das der Himmelsleiter, von der laut Altem Testament erstmalig Jakob geträumt hat, weswegen sie auch Jakobsleiter genannt wird. Auf dieser Leiter bewegen sich Engel hinunter zu den Menschen und helfen diesen auch hinauf zum Himmel. Auf vielen Klosterwänden ist das Motiv festgehalten, und oft fallen da auch Menschen herunter in einen tiefen Abgrund, die Lasterhaften nämlich, während die Tugendhaften scheinbar mühelos hinaufsteigen können. Deswegen heißt die Leiter auch Tugendleiter.

Engel sind auch auf Fedorenkos Blatt am Geschehen beteiligt, wie häufig bei ihm erscheinen sie als kleine Geschöpfe mit Flügeln. In der für ihn typischen Manier sind sie zwar klein wie Kinder, haben aber die Gestalt von Erwachsenen; auch mit der Wahl dieser Proportionen knüpft Fedorenko an frühere Traditionen an. Fedorenkos Komposition zeigt drei Menschen und drei Engel, aber Engel und Menschen sehen fast gleich aus: Ihre Frisuren und Gesichtszüge entsprechen sich, alle scheinen erwachsen zu sein, nur unterschiedlich groß eben; alle scheinen Männer zu sein, tragen aber – zumindest die klein geratenen – Kleider bzw. Röcke; alle sind mit ähnlichen Verrichtungen beschäftigt, zumindest vier von ihnen. Die vier nämlich sind dabei, einen Stern zum Leuchten zu bringen, es wird wohl der Weihnachtsstern werden. Der Künstler geht davon aus, dass ein bisschen handwerkliche Unterstützung oder gar Elektrizität dabei nicht schaden kann. Und so hält eben einer der vier die Leiter, zwei andere klettern hinauf. Der vierte beleuchtet hilfreich die Szene. Ein anderer, der Holzfäller eben, hat sie verlassen. Ein weiterer, der sechste, ist auch nicht Teil des Geschehens, er sitzt vielmehr auf dem Baum und liest, das gute Licht ausnutzend. Es sei ihm gegönnt! Das denkt vielleicht auch der Mann im Mond, oder ist das nun eine Frau?

Es macht Freude, sich das Exlibris anzuschauen, und die friedliche und tolerante Welt zu sehen, in der seltsam androgyne Wesen aus verschiedenen Zeiten und Generationen zusammen den Wald, die Welt, zum Leuchten bringen, manche mögen tugendhafter, zumindest fleißiger, sein als andere, manche dieser Wesen stammen sogar aus verschiedenen Sphären, denn die einen haben eben Flügel und die anderen nicht …

Dass die Engelchen zwar Flügel, aber keine Schuhe haben, ist wohl nicht ideologisch gemeint, sondern praktisch gedacht: Schließlich können sie ja fliegen.

(Ulrike Ladnar)

Monat November 2018: Oleksandra Sysa für Heinz Decker, Radierung, 2018, 135 x 110 mm

November ist der Monat, in dem wir am Totensonntag der Toten gedenken, ein Monat, der uns auch mit dem Vergehen in der Natur die Endlichkeit alles Lebendigen vor Augen führt. Für manchen Exlibrissammler ist die Erinnerung an diese Sterblichkeit, das Memento Mori zu einem Thema für sein Exlibris geworden oder gar ein Sammelschwerpunkt.

Die junge ukrainische Künstlerin Oleksandra Sysa hat auf ihrem Exlibris für mich das Thema in einer einfühlsamen Radierung poetisch-symbolisch dargestellt. Der menschliche Torso hinter der Brüstung presst mit der rechten Hand ein Bündel Pflanzen bewahrend gegen seinen oder ihren Körper, während der linken Hand, die über die Brüstung ragt, eine einzelne Pflanze zu entgleiten droht, um ins Nirgendwo jenseits der Mauerbrüstung zu fallen. Allein mit der Darstellung der Hände vermittelt Oleksandra Sysa unser Bemühen, Leben festhalten zu wollen.

Man wird beim Betrachten des Exlibris an die Stelle im Brahms-Requiem erinnert, in der es heißt:
Denn alles Fleisch
es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen.

Die DEG gedenkt der vielen in diesem Jahr verstorbenen Mitglieder und Sammler.

(Heinz Decker)

Oktober 2018: (Arnold) Ludwig Richter für O. J. (Otto Jahn), Holzschnitt, 1852

(Auf dem Innendeckel des Buches: Carl Friedrich Flögel, Geschichte der komischen Litteratur, Dritter Band, Leipzig 1786, aus der Bibliothek Otto Jahns)

Die idyllische Szene auf einem Exlibris, das drei Putti bei der Apfelernte zeigt, passt gut zum Monat Oktober, wird doch am ersten Sonntag dieses Erntemonats das Erntedankfest gefeiert. Drei nackte Kleinkinder, eines durch Flügel als Engel charakterisiert, sitzen auf den Wurzeln zweier niedriger knorriger Apfelbäumchen, deren Äste sich in der Mitte des Blattes zusammenfügen und ein schützendes Dach über den kleinen Nackedeis bilden. Äpfel wachsen reichlich, so dass auch die Ernte der reifen Früchte nicht in Hektik oder Konkurrenz ausartet, sondern bedächtig und in aller Ruhe vorgenommen wird, und zwar von dem mittleren, sich etwas erhebenden Kind, während das rechte eher in den Anblick der bereits gepflückten und in einem Korb gesammelten Früchte vertieft zu sein scheint und das linke Kind versonnen dazu musiziert. Zwei Vöglein, die sich rechts und links in schönster Ordnung zu der achsensymmetrischen Komposition des Baumrahmens um das Kindertrio gesellen, scheinen auch zu lauschen.

Dass sich zwischen den Blättern die Früchte befinden, kann man nicht nur sehen, sondern auch lesen, wenn man den Blick auf den groß in Kapitälchen auf einem Band unter der Szene geschriebenen Spruch lenkt: Inter folia fructuS (dt: Zwischen den Blättern sind die Früchte).

Dass es sich um ein Exlibris handelt, sieht man erst auf den zweiten Blick – wenn überhaupt. Auf den ersten allerdings sieht man, dass man den Künstler wahrscheinlich kennt. Woher? Aus Museen? Von Ausstellungen her? Oder ist er einem als Buchillustrator vertraut? Alles mag zutreffen, doch das dritte ist besonders wahrscheinlich. Hat doch der Künstler, den um die Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmt fast alle Kinder und ihre (gebildeten) Eltern kannten, mehr als 2500 Holzschnitte geschaffen, die Mappenwerke schmückten, aber auch Die Volksmährchen von Musäus, das damals als schönstes Märchenbuch überhaupt galt, des weiteren Ausgaben von Goethes und Schillers Lyrik und vieles andere mehr. Insgesamt illustrierte er über 150 Bücher.

Arnold Ludwig Richter, 1803 in Dresden geboren, lernte zuerst bei seinem Vater, der zu seiner Zeit ein bedeutender Kupferstecher war. Daneben studierte er an der Kunstakademie in Dresden. Zeichen- und Malstudien führten ihn nach Paris und Italien. Schon von seinem 25. Lebensjahr an war er als Lehrer tätig, an der Zeichenschule für Porzellanmalerei in Meißen, dann als Professor für Landschaftsmalerei in Dresden. Die letzten zehn Jahres seines Lebens konnte er wegen eines Augenleidens nicht mehr arbeiten. 1884 starb er in Dresden und erhielt ein äußerst prunkvolles staatliches Begräbnis, was seine Berühmtheit und Bedeutung zu seiner Zeit unterstreicht. Mit seinen spätromantischen Landschaftsbildern und seinen biedermeierliches Leben illustrierenden Holzschnitten hat er die Kunst- und Lebensauffassung seiner Zeit maßgeblich geprägt.

Als Exlibriskünstler ist Richter nicht hervorgetreten, aber sein Blatt für den klassischen Philologen, Archäologen und Musikwissenschaftler Otto Jahn (O. J.) ist eines der bekanntesten Blätter der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, sonst nicht gerade eine Blütezeit der Exlibriskunst. Dass das Blatt für einen Altphilologen passt, der bei dem Motto weniger an Äpfel, als vielmehr an die vielen Buchblätter gedacht haben mag, durch die man sich durcharbeiten muss, bevor man eine ertragreiche Lesefrucht pflücken kann, ist zweifelsfrei. Ob die romantisierende Darstellung dem nicht ganz so idyllisch-bürgerlich lebenden Professor entspricht, mag aber durchaus angezweifelt werden. Denn dieser nahm an den Aufständen in Schleswig-Holstein aktiv teil und verlor sogar alle seine Ämter, weil er unbeirrt für eine deutsche Verfassung eintrat.

(Ulrike Ladnar)

September 2018: Lies van Vlijmen (NL) für Elsbeth Rhonheimer, Radierung, col., 1993

Am 20. September wird in Deutschland und anderswo der Weltkindertag gefeiert. Darum stellen wir in diesem Monat gerne ein Exlibris von Lies van Vlijmen vor, einer Künstlerin, die in der Exlibrisszene seit vielen Jahren bekannt und beliebt ist. Auf ihren liebevoll und phantasiereich erdachten und sorgfältig radierten Blättern tummeln sich nämlich neben allerlei Tieren und Phantasiegestalten fast immer Kinder, die in ein fröhliches Spiel vertieft sind, gelegentlich von Erwachsenen begleitet. Jeder, der einmal eines der Blätter Lies van Vlijmens in der Hand gehalten hat, erinnert sich an den Charme, der von der dort dargestellten Szene ausgegangen ist. Übrigens sind auch die Keramiken der Künstlerin sehr gesucht, und auch für die gilt, dass ihr besonderer Stil zum Alleinstellungsmerkmal geworden ist: Man erkennt also auf einen Blick, und zwar schon auf den ersten, wer die Keramik geschaffen, die Grafik radiert hat.

Auf der Radierung für Elsbeth Rhonheimer, einer liebenswürdigen und bis heute unvergessenen Schweizer Sammlerin mit umfassenden Interessen und viel Freude an ihren Kindern und Enkeln, hat Lies van Vlijmen sich eine Phantasiereise ausgedacht, die eine erwachsene Frau mit kleinen Kindern unternimmt. Die erwachsene Frau, ich gehe einmal davon aus, dass es eine Großmutter ist, reitet auf einem Steckenpferd, einem etwas aus der Mode gekommenen Gegenstand und Begriff (für das, was wir heute Hobby nennen), mit geschlossenen Augen und sichtlich mit sich und der Situation zufrieden in die Welt. Auf und unter ihr reisen und reiten die drei Kinder mit, einer unterstützt sie mit einem kleinen Steckenpferd als eine Art Steuermann. Sie aber wird ihm sicher, so hoffe ich, die Gewissheit und den Stolz darüber lassen, dass eigentlich er es ist, der die ganze Gruppe leitet. Glücklicherweise wird die Großmutter bei dem kräfteraubenden Werk von einem kleinen Rädchen unterstützt, das dem Steckenpferd zu einem schnelleren Galopp verhelfen man, und auch von oben kommt Hilfe durch einen sie begleitenden großen Vogel, unwillkürlich denkt man an eine Wildgans von Nils Holgersson. Jedenfalls trägt der Vogel einen dünnen Faden im Schnabel, durch den die Gruppe mit ihm verbunden ist. Die drei Kinder sind jedes auf seine Art in und bei sich, der vermeintliche Chauffeur vorne und die beiden in unterschiedliche Richtungen blickenden und träumenden Kinder auf dem Rücken der Großmutter. Wir sind uns bestimmt alle einig: Das ist ein schöner Tag: ein Phantasietag, ein Spieltag, ein Märchentag, ein Reisetag, ein Kindertag.

Was nun den eingangs erwähnten Kindertag betrifft, so ist da die internationale Einigkeit so groß leider nicht, denn er wird in der Welt bis heute an verschiedenen Tagen und unter unterschiedlichen Bezeichnungen gefeiert – oder eben auch nicht: als Weltkindertag, als Internationaler Kindertag, als Kindertag und als Internationaler Tag des Kindes. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zuerst als Internationaler Tag des Kindes in den osteuropäischen sozialistischen Ländern begangen, und zwar am 1. Juni; so auch in der DDR. 1954 zog die UNICEF nach, und viele Länder, darunter auch die BRD, entschieden sich für einen sog. Weltkindertag am 20 September, andere eben nicht. In den Vereinten Nationen wird der Weltkindertag am 20. November begangen, dem Tag, an dem 1989 die Charta der Kinderrechte verabschiedet wurde, woraufhin alle Mitglieder der Vereinten Nationen (nicht allerdings die USA) die UN-Kinderrechtkonventionen anerkannten. Zu denen gehören beispielsweise das Recht auf eine Kindheit ohne Gewalt, auf Gesundheit, auf Bildung, auf Schutz vor Missbrauch und bewaffneten Konflikten u.v.a.m.

Doch verlassen wir dies Kapitel und erfreuen uns weiter an dem Exlibris des Monats.

(Ulrike Ladnar)

Monat August 2018: Marcus Behmer, Exlibris für Karl Andres, Radierung 1923, 60 x 50 mm

Haben Sie schon einmal in einer Astgabel sitzend ein Buch gelesen? Der Mann auf Marcus Behmers (1879 – 1958) Exlibris für den Schuhfabrikanten und Großsammler Karl Andres jedenfalls tut es. Es könnte im August sein, denn die Blätter des Baumes, in dem er sitzt, sind voll entfaltet. Die schöne Seelandschaft im Hintergrund mit dem Dreimaster scheint den Lesenden nicht zu interessieren, er ist völlig vertieft in sein Buch. Dass er einen Pantoffel fast verliert, scheint ihn auch nicht zu stören. Die Baumkrone schirmt ihn vor eventuellen Störungen ab.

Das Buch zum Objekt der Begierde, der Lese- und Lebensfreude zu machen, war für den Illustrator, Buch- und Schriftkünstler Behmer ein Lebensmittelpunkt. Mit seinen Salome-Illustrationen, die den Zeichnungen Beardsleys verblüffend ähnlich sind, war er schnell bekannt geworden. Die von ihm gestalteten Bücher wurden zu bibliophilen Kostbarkeiten. Sein Exlibris Inselbücherei für Hedda Schmitz-Otto mit dem Delphin als einem für ihn wichtigen Motiv wird im nächsten DEG-Jahrbuch abgebildet sein.

Jahrelang arbeitete er mit Karl Klingspor, dem Typografen und Besitzer der Rudhard‘schen Gießerei in Offenbach, zusammen. Das Offenbacher Klingspor-Museum hat jetzt zum 60-jährigen Todestag Behmers und zum 150. Geburtstag Klingspors aus seinen reichhaltigen Behmer-Beständen eine Retrospektive zusammengestellt, die noch bis zum 2. September zu sehen ist.

Trotz seiner Beliebtheit bei Bibliophilen dauerte seine Karriere nur bis zum Jahre 1936: Da wurde der Künstler von den Nationalsozialisten wegen Homosexualität für zwei Jahre inhaftiert; an seine früheren Erfolge konnte er auch nach dem Krieg nicht mehr anknüpfen.

Das kleinformatige Exlibris mit seinem dekorativen Jugendstil-Rahmen ist eine der Kostbarkeiten der Exlibris-Kunst. Mögen Sie, lieber Leser, liebe Leserin im August auch schöne Leseorte finden.

(Heinz Decker)

Monat Juli 2018: Ivan Rerberg: Exlibris für A.S. Schachov, Klischee, 1926

Juli ist der Monat, in dem man Sonne erwartet und die entspannenden Freuden der Ferien und des Urlaubs. Auch Exlibristen – wenn sie nicht gerade zu einem Exlibristreffen oder einer Ausstellung unterwegs sind – werden in dieser Zeit vielleicht gern einmal an einem Strand oder in einem Schwimmbad ein Buch zur Hand nehmen und neben Sonne und Wasser sich in die Welt der Fantasie eines Autors hineinlesen. Der russische Künstler Ivan Rerberg lässt uns auf seinem Exlibris für A.S. Schachov etwas davon erahnen.

Ivan Fedorovitsch Rerberg (1892 – 1957) studierte an der Architekturabteilung einer Moskauer Kunsthochschule. Nach seinem Abschluss 1917 arbeitete er im Bereich der Buchkunst. Mit dem Fertigen von Exlibris, von denen er etwa 50 schuf, begann er im Jahre 1922. Rerberg gehört zu den Künstlern, deren Exlibris auf der großen Ausstellung The Silver Age of Russian Bookplate in St. Petersburg anlässlich des FISAE-Kongresses 1998 ausgestellt worden sind.

Mit einfachen Mitteln gelingen ihm wirkungsvolle dekorative Exlibris. In seinen meist stilisierten Kompositionen reduziert er die Bildaussage auf das Wesentliche. Die Frau auf dem Blatt für A.S. Schachov verbindet die Lesefreude mit dem Badevergnügen. Obwohl die Frau, die zwischen verstreuten Büchern im freien Raum liegt, ganz in ihr Buch vertieft erscheint, wirkt sie durch die Schwarz-Weiß-Wirkung des gestreiften Badeanzugs im Kontrast zu dem dunklen Körper erotisch anziehend.

(Heinz Decker)

Monat Juni 2018: Yulia Protsyshyn für Guus Willemsen, „The Core“, 2017, C3+C5+C7/col.

Ein Schachbrett – auf dem Feld c2 steht ein überdimensionierter Springer. Ein spiralenförmiges Labyrinth mit starkem Kraftzentrum verweist in stringenter Dynamik auf die einzige Figur auf dem Spielfeld: den Springer, der Züge vollbringen kann, die nicht einmal die Dame zustande bringt, nämlich über eigene und fremde Figuren hinweg. Schach und Labyrinth als Spiel sind sich insofern ja ähnlich, dass beide vielfältige Kombinationen und die kontinuierliche Notwendigkeit erfordern, sich zwischen richtigen und falschen Wegen, die eingeschlagen werden können, zu entscheiden. Die hier vorherrschenden Komponenten der rhythmischen Darstellung sind Symmetrie und Asymmetrie. Gerade dass der Springer nicht in der Mitte steht, sondern versetzt nach links vorn, hebt ihn in besonderem Maße hervor.

Seit 2013 widmet sich die junge ukrainische Künstlerin Yulia Protsyshyn (geb. am 12. April 1989) vornehmlich der Kleingrafik. Ihr Exlibris-Konzept ließe sich als das Streben beschreiben, mittels klarer Linien und geordneter Strukturen eine Art visuelle Vollkommenheit zu erreichen.

Die kolorierte Radierung mit Aquatinta und Mezzotinto entstand 2017 für den Niederländer Guus Willemsen, dessen Hauptsujet als Sammler und Eigner Pferde sind. Sein Schlüsselerlebnis als Sammler war eine Begegnung mit Jan Rhebergen, der ihm um 1965 Exlibris von Emil Kotrba näherbrachte. Kotrba schuf bekanntlich eine ganze Reihe von Pferde-Exlibris. Aktiver wurde Willemsen nach dem Besuch des FISAE-Kongresses 1978 in Lugano, wo er die damals bekannten Sammler A. Sjef van der Muur, Mark Severin, Maria Elisa Leboroni, Tuulikki und Ernesto Guffanti traf. Das Exlibris-Konzept von Yulia Protsyshyn überzeugte ihn sofort.

Ihr Blatt auf seinen Namen wurde von den TeilnehmerInnen der DEG-Jahrestagung 2018 in Wurzbach zum besten Exlibris im DEG-Wettbewerb gewählt.

(Henry Tauber)

Mai 2018: Emil Anner (CH) für Abegg Stockar, Radierung, 1911

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält.

Auch wenn der Mai bei den heutigen Klimabedingungen vorverlegt zu sein scheint, ist er immer noch der Monat, in dem die Natur endgültig explodiert, ihre volle Blüte entfaltet. Mit Freude erwarten wir die Wärme, den Geruch frischen Grüns, den „goldenen Überfluss der Welt“. Auch Exlibris- Sammler- und Sammlerinnen sehen dem Mai erwartungsfroh entgegen und einige haben sich zu Gottfried Kellers Versen
„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldenen Überfluss der Welt“
ein Exlibris fertigen lassen. So radierte der Schweizer Emil Anner (1870-1925) ein Blatt mit den Versen für die Schweizer Familie Abegg Stockar. Der Züricher Textilfabrikant Carl Abegg war mit Anna Stockar verheiratet. Beide waren sicher schon durch ihre Seidenprodukte mit der Wahrnehmung von Schönheit vertraut.
Anners Jugendstilexlibris mit dem typisch floralen Rahmen zeigt die Harmonie und Schönheit der dargestellten Welt schon in der Symmetrie der Komposition, der Passage durch die Birken, die den Blick öffnet auf eine ferne urbane Ansiedlung, über der man direkt in die strahlende Sonne blickt.
Die Sonne ist das Zentrum dieses Blattes. Möge sie auch Ihnen in diesem Mai erstrahlen.

Heinz Decker)

April 2018: Karl Michel für Walter von Zur Westen, Kupferstich, 1922

Am 19. April 2018 jährt sich zum 70. Mal der Todestag Walter von Zur Westens (1871–1948), der die deutsche organisierte Exlibris-Bewegung 26 Jahre lang (1906–1912, 1919–1938) als Vorsitzender leitete – länger als jeder andere vor und nach ihm. Er war ein Großsammler von Gebrauchsgrafik aller Art; seine riesige Kollektion umfasste insbesondere Abertausende von Gelegenheitsgrafiken, d.h. Besuchskarten, Umzugs- und Familienanzeigen, Patenbriefe, Dankkarten, Briefköpfe, Gedenkblätter, Glückwunsch- und Festkarten, Tafelkalender, Reklamekunst, Theaterprogramme, Speisekarten, Spiele, Urkunden, Bruderschaftsdiplome und Wallfahrtsblätter, Verbandszertifikate, Thesenblätter, Musiktitel, Buchtitel und Seitenumrahmungen, Drucker- und Verlegerzeichen, Buchumschläge, Lesezeichen, Vorsatzpapiere, Verlegereinbände und nicht zuletzt: Exlibris.
Als „Privatsammlung von kulturellem Wert“ wurde der Großteil seiner Schätze im Juli 1943 auf offizielle Anordnung hin in insgesamt 24 Kisten verpackt und in Sicherheit gebracht. 22 der Behälter wurden wahrscheinlich in einem polnischen Schloss eingelagert, zwei gingen als Asservat des Märkischen Museums in Berlin in den unterirdischen Keller der Reichsbank. Letztere erhielt die Familie nach Kriegsende mit irreversiblen Schäden zurück, aber der bei weitem größte Teil der übrigen 22 Kisten gilt bis heute als verschollen. 1944 wurde von Zur Westens Berliner Wohnung vollständig ausgebombt, und er verlor auch noch seine ihm bis dahin verbliebene 8.000 Bände umfassende Bibliothek.
Über seine Sammlertätigkeiten hinaus war von Zur Westen trotz seiner starken beruflichen Belastung (u.a. als Richter und Senatspräsident am Reichsversicherungsamt in Berlin) als unermüdlicher Autor tätig, u.a. war er Herausgeber, Schriftleiter und Verfasser der meisten Schriften des Deutschen Exlibris-Vereins zwischen 1907 und 1938. Mehrere seiner einschlägigen Buchveröffentlichungen gehören noch immer zur Standardliteratur des Fachs, u.a. der zwischen 1901 und 1924 in drei Auflagen bei Velhagen & Klasing erschienene Band „Exlibris“.
Dies alles berechtigt zu der Feststellung, dass Walter von Zur Westen der wohl größte deutsche Exlibris-Experte des 20. Jahrhunderts war. Die Deutsche Exlibris-Gesellschaft verleiht seit 1988 als höchste Auszeichnung neben ihrer Ehrenmitgliedschaft die Walter-von-Zur-Westen-Medaille für besondere Verdienste um das Exlibris.
Vergleichsweise wenige Exlibris besaß Walter von Zur Westen selbst auf seinen Namen. Bekannt sind u.a. seine Blätter von Ade, Budzinski, Büttner, Hirzel, Mock, Olshausen-Schönberger und Alfred Peter. Ein schönes Blatt schuf der auch ansonsten vielfach für den Deutschen Exlibris-Verein tätige Leipziger Maler und Grafiker Karl Michel (1885–1966), der von 1912 bis 1945 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin lehrte. Der 1922 entstandene Kupferstich – ein Buch, aus dem eine Blume erblüht, die von einer Sammlerin (einem weiblichen Akt) gepflückt wird – ist ein typisches Beispiel für Michels dekorativen, auf ornamentale Wirkung bedachten, oftmals dem Kubismus nahestehenden, eher gefälligen Expressionismus – mit dem er eine Zeitlang zu den Lieblingen der deutschen Exlibris-Szene gehörte.

(Henry Tauber)

März 2018: Hubert Wilm (1887 – 1953) für Frank Wedekind (1864 – 1918), Radierung mit Remarquen 1913

Das bekannteste Theaterstück Frank Wedekinds trägt den Titel Frühlings Erwachen, und es kommt einem in diesen Tagen Ende Februar gelegentlich in den Sinn, wenn man genug von der Dunkelheit und Kälte des Winters hat. Im März wird uns das klimatische Frühlings Erwachen hoffentlich häufig in den Wetterberichten erfreuen, aber ganz sicher wird uns ein literarisches Frühlings Erwachen auf den Feuilletonseiten der Zeitungen begegnen. Denn am 9. März wird des 100. Todestags des Verfassers dieser tragisch endenden „Kindertragödie“, in der der Titel sich symbolisch auf die erwachende Sexualität junger Menschen bezieht, gedacht.

Frank Wedekind, dessen literarisches und kabarettistisches Wirken die Münchner Künstlerszene um die vorletzte Jahrhundertwende herum entscheidend prägte, wurde in Hannover geboren, besuchte die Schule in Lenzburg und Aarau in der Schweiz, wo er auch zweimal, in Lausanne und Zürich, die Rechte zu studieren begann. Doch beide Male brach er sein Studium ab. Nach einigen Reisen ließ der finanziell unabhängige Frank Wedekind sich endgültig in München nieder. Er arbeitete in verschiedenen kulturellen und künstlerischen Zusammenhängen: als Sekretär in einem Zirkus, als Journalist, als Werbefachmann, als Kabarettist, als Komponist und Sänger, als Schauspieler, als Zeitungsherausgeber und als Schriftsteller. Er lebte nach seinem eigenen Lebenskonzept und scheute keinen Konflikt, weder mit konservativen Theaterkritikern noch mit der Polizei. Seine Stücke gehören bis heute zum Kanon der deutschen Literatur und werden regelmäßig aufgeführt. Die Merkmale seines Werks sind die Drastik, Sprunghaftigkeit und Leidenschaftlichkeit seiner Darstellungen, die Unbarmherzigkeit seiner Satire, die stets lauernde Groteske.

Wilms Exlibris für Wedekind, ein großes, von zahlreichen Remarquen umrahmtes Blatt, stellt die Theaterarbeit in den Mittelpunkt. Das wesentliche Signal dafür ist die Maske auf dem Brunnen. Der Brunnen selbst steht in der tradierten Symbolsprache für Reinigung und Erlösung, auch für Heilung, und sein Wasser soll wohl das traurige nackte Mädchen auf der linken Seite von seinem Kummer befreien. Unterstützt wird dies durch Hygieia, die Tochter Aeskulaps, die auf der rechten Seite steht. In der griechischen Mythologie heilt sie leidende Menschen und tröstet sie, indem sie ihnen Wasser aus dem Fluss des Vergessens reicht. Es gibt übrigen zahlreiche Brunnen, die den Namen Hygieias tragen, in Deutschland ist wohl der in Hamburg der bekannteste. Dass Wilm den Betrachterinnen und Betrachtern seines Blatts die Assoziation von der heilend-erlösenden Wirkung ihres Tranks zur Katharsis, der der Tragödie zugeschriebenen seelisch-geistigen Reinigung nahelegt, ist ein sinniger und kluger Einfall.

Hubert Wilm hat für Wedekind ein wunderschönes, ernstes, fast weihevolles Blatt radiert; dem tun auch die etwas heitereren Remarquen keinen Abbruch. Das Blatt eröffnet allerdings keinen direkten Zugang zu dem Dichter-Kabarettisten, der zum Beispiel dadurch berühmt wurde, dass er in einem Lied erzählt, wie er seine Tante geschlachtet hat. Warum Wilm, der Wedekind ja auch persönlich und aus beruflichen Zusammenhängen kannte, auf einen individuelleren zugespitzten Blick auf den Schriftsteller verzichtet hat, ist mir nicht bekannt. Aber ich finde es ein wenig schade …1

Anmerkung:

1. Vgl. auch Ulrike Ladnar & Heinz Decker: Exlibris zum Friedrichshagener Dichterkreis, Berlin 2010, S. 23

(Ulrike Ladnar)

Februar 2018: Carl Otto Czeschka für Adolf Glüenstein Lithografie 1905

Februar ist ein Monat des Aufbruchs, in dem die Natur sich wieder zu regen beginnt und man ahnt, dass man schon bald erste Knospen sprießen sieht.

Februar ist auch die Zeit, in der mancher, ehe er sich der körperlichen und seelischen Entschlackung des Fastens aussetzt, noch einmal im Karneval dem Motto Carpe diem folgt und sich den Sinnenfreuden hingibt.

Der bekannte Wiener Jugendstilkünstler Carl Otto Czeschka (1878-1960), der für die Wiener Werkstätte arbeitete, schuf zum Thema Carpe diem ein Exlibris für den Hamburger Kunstsammler Adolf Glüenstein. Im charakteristischen Linienstil stellt er eine von Blüten umgebene Jugendstilfrau mit einem großen Blumengebinde in den Mittelpunkt.

Die Blumenfrau schaut nach vorn. Folgen wir ihr und ihrem Motto Carpe diem und nutzen die Lebensfreude, die jeder Tag bringen kann.

(Heinz Decker)

Januar 2018: Nurgül Arikan: PF 2018 der DEG, CGD

Alles Gute für 2018!

Liebe Freundinnen und Freunde des Exlibris!

Die PF-Grafik 2018 der DEG zeigt einen bunten Mappen- und Bücherberg in Form eines Weihnachtsbaums. Der Weihnachtsbaum (meistens eine immergrüne Tanne) gilt als Sinnbild des Lebens, er steht für Glück und Fruchtbarkeit. Auf den Vorderdeckeln der Mappen und Bücher ist der Wunsch für ein gutes neues Jahr in den elf Hauptsprachen der zurzeit in insgesamt 21 Ländern lebenden DEG-Mitglieder eingeschrieben. Zentral platziert, neben dem Signet der DEG, sind unter anderem die „DEG-Mitteilungen“, das zweimal jährlich erscheinende Exlibris-Magazin der Gesellschaft, mit Künstler- und Sammlervorstellungen, Bildbetrachtungen und Werklisten, Rezensionen, Biografien und Nachrufen, Tagungs- und Ausstellungsberichten. Unterhalb der „Mitteilungen“ liegt ein geöffnetes Buch, auf dessen Seiten die jüngsten Austragungsorte der DEG-Jahrestagungen zu lesen sind: Bad Bramstedt (2015), Weiden (2016), Paderborn (2017, Wurzbach (2018). Auf der Spitze des Baums sitzt, noch oberhalb des Sterns, ein weißer Vogel als Symbol des Friedens. Die exponierte Position nutzt er zur Einladung an alle (im Fond skizzierte) Welt zur Teilhabe an den köstlichen „geistigen“ Früchten, aus denen der Baum besteht.

Das Blatt hat die türkische Künstlerin Nurgül Arikan entworfen. Sie studierte an der Çukurova-Universität in Adana und an der Marmara-Universität in Istanbul (M.A. in Werbegrafik), außerdem hat sie einen Abschluss als Rundfunk- und Fernsehprogrammgestalterin (an der Fakultät für Kommunikation der Anadolu-Universität in Eskişehir). Die Malerin, Grafikerin und Designerin lebt und arbeitet in Istanbul bzw. Göktürk. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit lehrt sie als Dozentin an der Kunst-Fakultät einer Privatuniversität in Istanbul. Für ihre Arbeiten erhielt Nurgül Arikan zahlreiche internationale Auszeichnungen. Seit einiger Zeit wendet sie sich intensiv der Gestaltung von Exlibris zu, bei der es ihr vor allem um die verknüpfende Wechselwirkung von Bild und Schrift geht. Die Anzahl der von ihr bis jetzt geschaffenen Exlibris beläuft sich auf etwa 260. Sie ist Vorstandsmitglied der American Society of Bookplate Collectors & Designers (ASBC&D), Mitglied der İstanbul Ekslibris Derneği (Istanbul Ex-Libris Society) und der Deutschen Exlibris-Gesellschaft.

Der Vorstand der DEG wünscht allen seinen Mitgliedern und darüber hinaus den Freundinnen und Freunden des Exlibris in der ganzen Welt alles Gute für das kommende Jahr, Glück, Gesundheit und Frieden!

Herzlichst

Dr. Henry Tauber

für den DEG-Vorstand

(Die Original-Grafik von Nurgül Arikan wird mit der nächsten Ausgabe der DEG-Mitteilungen an alle DEG-Mitglieder versandt.)

Dezember 2017: Elisabeth Fossel (A), Universal-PF, Radierung um 1933, 60 x 80 mm

Gut 100 Kilometer liegt Liezen, der Geburtsort von Maria Elisabeth Fossel (1880–1965), von Graz, ihrem Lebens- und Sterbeort, entfernt. Von einem längeren Aufenthalt in München abgesehen, wo sie die Radierschule Johann Brockhoff und die Frauenakademie besuchte, spielte sich ihr gesamtes Leben in ihrer steirischen Heimat ab. Wie so viele Künstlerinnen ihrer Zeit widmete sie sich (gemäß den damaligen Rollenzuschreibungen wahrscheinlich notgedrungen) den kleineren grafischen Formen, und mit Exlibris, Kalenderblättern, Andachtsbildern, Buchillustrationen und – wie im vorliegenden Fall –Weihnachtskarten wiederum vor allem dem gebrauchsgrafischen Feld. Dabei bleibt sie auch thematisch ihrer Herkunft und Heimat treu: Sie stellt bevorzugt das bäuerliche Leben, ländliche Traditionen und Motive des christlichen Jahreslaufs dar. Maria Elisabeth Fossel erhielt zahlreiche Ehrungen ihrer Heimatstadt Graz, wo sie als grande dame der dortigen Kunstszene eine hohe Achtung erfuhr.

Die drei Männer, die auf ihrer Weihnachtskarte durch die winterlich verschneiten steirischen Berge stapfen, sind da weitere Lebenswege, etliche tausend Kilometer sind es wohl, gegangen, um an ihr Ziel zu gelangen. Es ist tiefe Nacht, aber die Sterne, deren Licht vom weißen Schnee reflektiert wird, strahlen so hell, dass jede Einzelheit der eigentümlichen Erscheinung der nächtlichen Wanderer im Detail sichtbar ist: Turbane und Kronen, Pluderhosen mit wilden und seltsamen Mustern. Nicht die perfekte Ausstattung für eine eiskalte Winternacht. Aber wir wissen, wer sie sind: die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland. Vielleicht sind es aber auch keine Könige, sondern „nur“ Weise. Das wissen wir nicht genau. Aber wir wissen, welche Geschenke sie mitgebracht haben: Weihrauch sehen wir, der aus Jemen kommen soll, das Gold, das aus dem Sudan gebracht worden sei, vermuten wir in dem Kästchen, und der dritte Weise wird wohl auch seine Myrrhe aus Somalia bei sich haben. Passen sie hierher? Haben sie sich vielleicht verlaufen? Wie kommen sie hierher in unsere mitteleuropäische Winterkälte? Denn wir wissen, dass sie eigentlich nach Bethlehem, an den Geburtsort von Jesus, wollen. Ob der vielleicht doch in Nazareth war, kümmert sie im Unterschied zu uns zweifelnden und alles ergoogelnden Heutigen nicht, haben sie doch ihren sie leitenden Stern von Bethlehem unmittelbar über sich. Und der hat sie auf dieser kleinen Weihnachtsgrafik eben in die Steiermark geführt.

Man fürchtet, dass sie frieren. Aber ernsthafte Sorgen macht man sich nicht, dass sie ihren Weg verlieren könnten. Wer so weit gekommen ist, ohne zu zweifeln, wird seinen Weg auch weiterhin voller Zuversicht gehen, wohin auch immer er einen führen wird.

Martha Elisabeth Fossel hat mit ihrem Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts entstandenen Universal-PF zu Weihnachten den Betrachterinnen und Betrachtern ihrer kleinen Radierung wahrscheinlich dieselbe Zuversicht wünschen wollen: dass wir auch im Trubel und Stress der Vorbereitung des Weihnachtsfestes gelassen und voller Vertrauen unseren Weg gehen, und dass wir auch dem Neuen Jahr mit derselben Zuversicht und Hoffnung begegnen.

Wir alle, ob wir nun fremd hier sind oder zuhause.

Lit.: Karolyi, Claudia und Smetana, Alexandra: Aufbruch und Idylle. Exlibris österreichischer Künstlerinnen 1900-1945, Wien 2004, S. 69; Donin, Richard Kurt: Neuere Gebrauchsgraphiken, in: Österreichisches Jahrbuch für Exlibris und Gebrauchskunst 1934, S. 27 f.

(Ulrike Ladnar)

November 2017: Erich Heermann (D), Exlibris für Charlotte Mamroth, Radierung 1908

Kennen Sie das? Verstimmungen, Müdigkeit, Antriebsarmut im November? Biologisch oder medizinisch gesehen ein bekanntes Phänomen, vereinfacht erklärt: Aufgrund der längeren Zeiten der Dunkelheit wird weniger Serotonin als in den sonnenlichtintensiveren Monaten erzeugt, die Folge ist keine richtige Depression, aber eben ein sogenannter Novemberblues. Kirche und Staat haben dazu passend Tage des Gedenkens, der Trauer gesetzt: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag; ein Besuch auf dem Friedhof ist im November bei vielen eine feste Tradition. Am Ende des Trauermonats freut man sich dann auf den Folgemonat, der ein Monat freudiger Erwartung ist.

Nun ist der Tod, oft personifiziert als Schnitter, als Sensenträger, ein sehr häufiges Motiv auf Buchzeichen, eine besonders beliebte Darstellung gilt seiner (erotischen) Begegnung mit einer jungen nackten Frau, zum Beispiel als Variation des Todestanzmotivs.

Auch auf dem hier präsentierten Exlibris ist eine junge Frau zu sehen, und auch der Tod ist allgegenwärtig, denn der Künstler führt uns auf einen Friedhof, wo er die reale und symbolische Bedeutung des Monats November darstellen kann. Es geht um den Schmerz über den Tod, den Verlust eines Menschen. Der Künstler, Erich Heermann, zeigt uns eine junge schöne Frau, die mit gesenktem Haupt vor einer Grabstätte sitzt und trauert. Die Äste der Bäume im Hintergrund verweisen auf eine spätherbstliche Stimmung, vermutlich will Heermann eine Novemberstimmung evozieren. Neben den Grabsteinen und den entlaubten Ästen verweisen die Rosen, die die Trauernde in der Hand hält, auf die Vergänglichkeit.

Doch die Frau trägt kein Trauergewand sondern ein leichtes weißes Kleid wie eine Braut im Frühling oder Sommer, ihre weißen Schultern und Oberarme sind nicht bedeckt. Auf dem Grabstein, auf dem sie sich niedergelassen hat, stehen die Worte Das Ende alles Sehnens ist Ruhe! Ist ihr Schmerz, ihre Trauer um den Gestorbenen, der vermutlich ihr Geliebter war, so groß, die Sehnsucht nach ihm so überwältigend, dass sie ihm folgen will dort hinunter in die Erde, wohin ihr Blick sich senkt?

Wir wissen es nicht, und ich weiß auch nicht, wer die Eignerin, ihr Name ist Charlotte Mamroth, gewesen ist und weshalb sie sich dieses Motiv für ihr Exlibris gewünscht hat.

Ein wenig mehr wissen wir über den Künstler, den sie beauftragt hat: Es ist Erich Heermann, ein 1880 in Liegnitz geborener Maler und Radierer, der sein Studium in Innsbruck, München und Berlin absolviert hat. Nach 1923 verliert sich seine Spur.

(Ulrike Ladnar)

Oktober 2017: Jens Rusch für Werner Grebe, Radierung, 2007

Das Jahr 2017 hat im 500-jährigen Gedenken an Martin Luther und seinen Thesenanschlag in Wittenberg einen Höhepunkt. Überall in Deutschland gedenkt man des Reformators.

In einem Beitrag zum diesjährigen DEG-Jahrbuch hat unser Mitglied Dr. Hans-Joachim Genge zum Thema A Rose IS A ROSE IS A ROSE Die Königin der Blumen im Exlibris auch Exlibris mit der Lutherrose vorgestellt:

„Eine eigene Ausprägung erfuhr die heraldische Rose in der berühmten Lutherrose: eine weiße, fünfblättrige Wildrose, die in ihrer Mitte an Stelle des Fruchtknotens ein rotes, mit schwarzem Kreuz belegtes Herz trägt. Martin Luther erhielt 1530 vom sächsischen Kurprinzen Johann Friedrich einen goldenen Siegelring mit dieser Rose, wie sie Lukas Cranach in demselben Jahr in Holz geschnitten hat. Sie ist ein Sinnbild für die Gnadentheologie des Reformators. Schon Luthers (Luders) Familie führte neben einer halben Armbrust zwei Rosen in ihrem Wappen. So erscheint die Lutherrose als Beigabe in dem Luthergedenkexlibris, das Jens Rusch 2007, im 490. Jahr des Wittenberger Thesenanschlags, für Prof. Werner Grebe radiert hat.“

(Dr. Hans-Joachim Genge)

September 2017: Exlibris für Klaus Thoms, 0p. 23/2008, kolorierter Holzschnitt

Seit dem Mittelalter wurde den Menschen auf Bildern oder in der Literatur vor Augen geführt, dass ihr Leben endlich ist. Im Totentanz, dem „danse macabre“, erfahren Betrachter und Betrachterinnen, dass der Tod mit jedem tanzt, mit Edelmann, Bettelmann, Bauer, Soldat. Keiner kann ihm entkommen.

Auch im Exlibris findet sich das Motiv sehr häufig; oft tanzt der Tod mit einem schönen Mädchen, manchmal scheint es, als könne sie ihn zur Aufschiebung des Todeszeitpunkts oder anderen Zugeständnissen bewegen.

Das Exlibris der kürzlich verstorbenen russisch-deutschen Holzschneiderin Sofya Vorontsova für Klaus Thoms zeigt eine Totentanzfolge, die keine Zugeständnisse an die häufigen Bedürfnisse der Sammler nach körperlicher Schönheit der Tanzenden macht.

Sofya Vorontsovas Totentanz-Folge versammelt Menschen mit verzerrten, gequält schauenden Gesichtern, die in grotesken Verrenkungen sich dem Tanz mit dem Skelett nicht entziehen können.

Es stimmt traurig, dass Sofya, deren Gesicht immer wieder ein Lächeln hervorzaubern konnte, ihren Kampf mit dem Tod so schnell beenden musste.

(Heinz Decker)

August 2017: Unbekannter Künstler für die Brüder Schmid, Kupferstich, 1672

Diesen seltenen Exlibris-Kupferstich schuf ein unbekannter Künstler vor 345 Jahren für die aus dem Schweizer Kanton Zug stammenden Brüder Schmid, die als Geistliche im adeligen Chorherrenstift Zurzach im Kanton Aargau wirkten.

Knochengerippe als Schildhalter und ein Totenkopf als Helmzier passten zwar in die von der Gegenreformation inspirierte Kunst des Barocks, in der es von allegorischen Arrangements mit Totenschädeln und Gerippen als Sinnbilder des Vergänglichen nur so wimmelte, waren in der Exlibris-Gestaltung der Zeit jedoch höchst ungewöhnlich.

Im Schild über Dreiberg ein Hammer, von Lilien begleitet, von Stern überhöht und von zwei aus Wolken ragenden Händen gehalten, als Helmkleinod Stundenglas und Totenkopf, mit gekreuzten Knochen und Schlange in den Augenhöhlen. An der Basis eine offene Grube mit dem (übersetzten) Spruch „Übrig ist das Grab“ aus Hiob 17:1, überhöht von der Jahreszahl 1672; zwischen den Skelettbeinen die Initialen der Exlibris-Eigner I.R.S. (Johann Rudolf Schmid) und I.I.S. (Johann Jakob Schmid).

Das Blatt ist reich besetzt mit lateinischen Devisen, die übersetzt lauten: „Was ist sicherer?“ (auf der Schaufel des heraldisch rechten Schildhalters), „Was ist schneller?“ (auf der Sense des linken), und – neben anderen Sinnsprüchen auf Schild und Kartusche der wichtigste, aus Philipper 1:21 – „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“.

Literatur: Gerster, Ludwig: Das Bibliothekzeichen der Brüder Schmid in Zurzach, in: Schweizerische Blätter für Exlibris-Sammler, Jg. 3, 1904, S. 81-83; Wegmann, Agnes: Schweizer Exlibris bis zum Jahre 1900, Bd. 2, Zürich 1937, S. 165, Nr. 6347; Tauber, Henry: Schätze der Exlibriskunst aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, Deggendorf 1996, S. 44 f. (Schätze der Exlibris, Bd. 1).

(Henry Tauber)

Juli 2017: Hans Ticha, Farbholzschnitt für Horst Sparke, 2008

Bevor er in den 1920er Jahren als Kabarettist, Autor und Maler tätig war, widmete sich Hans Gustav Bötticher (später dann Joachim Ringelnatz) der christlichen Seefahrt und befuhr alle Weltmeere. Zwischendrin aber war er immer wieder arbeitslos.

Vor 100 Jahren im Ersten Weltkrieg war er Kommandant eines Minensuchboots, obwohl er damals schon Zweifel am Sinn des Kriegs hatte: „Mir scheint der Krieg nur als eine komplizierte, mehr und mehr an Tragik zunehmende Abwickelung von Intrigen und Mächten aller Nationen.“1

Nach dem Krieg begann er, sich einen Namen als Kabarettist zu machen. Er trat im Berliner Kabarett Schall und Rauch auf, aber Vortragsreisen führten ihn auch auf anderen Bühnen im deutschsprachigen Raum. Während einer Berliner Zeit sympathisierte er mit dem Fußballclub Hertha BSC und dessen Nationalspieler Hanne Sobeck. Als Autor wurde er mit der Lyriksammlung Kuttel Daddeldu bekannt. ‚Daddeldu‘ heißt in der Seemannssprache Feierabend.

Zur Figur des Matrosen Kuttel hat der Illustrator und grafische Künstler Hans Ticha ein Exlibris für Horst Sparke geschaffen. Sein Stil, er hat ihn einmal „Agit-Pop“ genannt, greift Formen von Léger, Schlemmer und dem russischen Konstruktivismus auf. Aus geometrischen Formen entsteht hier ein humorvolles Bild des Seemanns und seiner Seemannsbraut.

Anmerkung:
1 Zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Ringelnatz (gesehen am 15.6.2017)

(Heinz Decker)

1. Preis: Ivan Rusachek

Juni 2017: Ivan Rusachek für Alexander Kerrutt, „Vanitas“, Radierung, 2017

Das Exlibris zeigt eine nackte junge Frau mit akkurat nach hinten frisiertem Haar; so sehr in das Lesen eines Buches vertieft, nimmt sie nicht wahr, dass sie, steif und die Beine angewinkelt, auf einem Skelett sitzt. Der seitliche Betrachterblick offenbart, dass das Gerippe die Haltung der Frau aufnimmt, nachahmt und ihr, die Oberschenkelknochen untergeschoben, eine Sitzfläche bietet – ihr Unterleib nahe demjenigen des Knochenmanns, sein Oberkörper dem weiblichen durch entsprechende Krümmung angepasst, sein Haupt direkt hinter ihrem; sie blättert, er wartet ab. Den Hocker bildet ein Bücherberg, in dem sich der Eignername befindet. Die Szenerie spielt in einer Bibliothek (die auf Geist, Gelehrsamkeit, Wissbegier verweist), zwischen zwei Bücherregalen voller wohl älterer Bücher, darunter auch Folianten, teilweise über die Bretter hinausragend, in einigen Fächern anstelle der Bücher hausfrontartige Formen (die für den äußeren Schein und die nach außen gerichtete Persönlichkeit stehen mögen). Dahinter eine schwarze Wand oder die Nacht, der kaum hellere Boden, auf dem sich das Skelett mit den Füßen abstützt, geht konturlos in den Fond über.

Ein Vanitas-Motiv. Vanitas (lat. Nichtigkeit, Eitelkeit, Vergeblichkeit) steht für die Vergänglichkeit alles Irdischen, besonders intensiv verdeutlicht – wie hier – durch den krassen Gegensatz zwischen dem Mädchenakt oder der nackten jungen Frau und dem Tod, hier sinnliche Schönheit, dort lautlos-unheimlicher Abberufer, visuell verstärkt durch die hell-grelle Darstellung des Mädchens einerseits (und ihrer Lektüre und einer herausragenden Schrift, die sie vielleicht kurz zuvor noch in der Hand hatte – das Brett über dieser zerbrochen und dem Zerfall preisgegeben) und anderseits die in Struktur und Farbe dem Interieur angeglichene Wiedergabe des Todes.

Der weißrussische Grafiker Ivan Rusachek (*1976) kreiert seit 2005 komplexe und symbolträchtige Exlibris in meisterhafter Radiertechnik. Das Vanitas-Blatt für den Sammler Alexander Kerrutt errang den 1. Preis im Exlibris-Wettbewerb der Deutschen Exlibris-Gesellschaft 2017.

(Henry Tauber)

Mai 2017: Otto Ubbelohde für J. T. Alb. Hosbach
Radierung 1910 Werkliste Graepler Nr. 118

Der hessische Maler, Grafiker und Illustrator Otto Ubbelohde, der 1817, also vor 150 Jahren in Marburg geboren wurde, war einer der großen Exlibriskünstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er auch durch seine Illustrationen zu Grimms Märchen. Er liebte die Natur und setzte mit seinen Bildern den Landschaftsformationen, den Wäldern und Burgen seiner Heimat ein Denkmal.
Für die amerikanische Familie Hosbach aus Philadelphia schuf er eine Reihe von Exlibris. Das hier gezeigte für J. T. Albert Hosbach steht unter dem Motto „Nature is the empire of freedom“ (Die Natur ist das Reich der Freiheit). Die von der Natur gewährte Freiheit zeigt sich auf dem Bild durch den freien Flug der Kraniche über einer weiten Landschaft. Der dynamische Vogelflug korrespondiert mit den ziehenden Wolken, die für Ubbelohdes Bilder charakteristisch sind.

(Heinz Decker)

April 2017: Joke van den Brandt für H. Masthoff
Klischee nach Kalligraphie in Aquarellfarben, 2001

Häufig befindet sich auf einem Exlibris neben der bildlichen Darstellung ein erläuternder Text, ein dazu passendes Zitat oder ein Motto des Eigners. Bei dem hier abgebildeten Blatt ist hingegen der Text das Wesentliche; die Flamme hat nur dekorative Bedeutung und wäre ohne den Text völlig unverständlich. Die bedeutende belgische Kalligraphin Joke van den Brandt (geb. 1937) beherrscht die Kunst des „Schönschreibens“ in höchster Vollendung, wie auch dieses kleine Kunstwerk aus dem Jahr 2001 zeigt. Der Text ist in einer von ihr entworfenen Schrift geschrieben, die sie aus der frühen Gotischen Schrift entwickelt hat; sie zeichnet sich durch eine besondere ästhetische Ausgewogenheit aus. Joke benutzt Schreibfedern der Firma Brause und verwendet Aquarellfarben. Von dem Original wurde ein Klischee hergestellt, um eine Vervielfältigung zu ermöglichen. Nach dem Erwerb ihres Diploms in den Fächern Literatur und Sprachen studierte Joke Kalligraphie an der Fachhochschule Aachen und fand damit ihre Lebensaufgabe. Seitdem fertigt sie festliche Urkunden für Ministerien und Universitäten, für das flämische Parlament, Städte und sonstige öffentliche und private Institutionen an. Sie hat mitgewirkt an zahlreichen bibliophilen Veröffentlichungen und ist Mitglied in mehreren kalligraphischen Gesellschaften.

Der für das Exlibris verwendete Text stammt aus der Tragödie „Almansor“ von Heinrich Heine. Empört berichtet hierin der Titelheld dem Diener Hassan von der Verbrennung eines Korans auf dem Markt von Granada nach der Eroberung durch christliche Ritter. Hassans Antwort wurde zum Topos der Bücherverbrennung schlechthin. Dieser Vers wird gerne als eine prophetische Aussage verstanden. Doch sind Bücherverbrennungen kein Phänomen der Neuzeit. So ließ bereits 231 v. Chr. ein chinesischer Kaiser sämtliche philosophischen Schriften verbrennen, deren Inhalt nicht der stattlichen Philosophie entsprach. Aus neuerer Zeit sei die Verbrennung des 1988 erschienenen Romans „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie erwähnt, der vielen Muslimen als gotteslästerlich gilt. Die Liste der Bücherverbrennungen ist schier endlos. Ray Bradbury treibt den Gedanken bis zum Äußersten, wenn er in seinem utopischen Roman „Fahrenheit 451“ die Verbrennung sämtlicher Bücher – ausgerechnet durch die Feuerwehr - auf Anordnung der Regierung beschreibt. Bücher sind nämlich gefährlich, da sie Ideen, Gedanken transportieren. Es gilt dieses abgelehnte oder verhaßte Gedankengut zu vernichten, zumindest symbolisch durch Verbrennung der Träger dieser Gedanken. Die Bücherverbrennung als ein Ritual mit Öffentlichkeitswirkung ist immer ein Akt der Intoleranz, der Zensur und der kulturellen Barbarei; immer richtet sie sich gegen Andersdenkende, Andersgläubige, Menschen anderer Herkunft oder anderer Nationalität. In der Zeit vor und nach Heinrich Heine bestand nur in seltenen Fällen ein Zusammenhang zwischen der Vernichtung von Buch und Mensch. Ein solcher Zusammenhang, der brutal in seiner Einmaligkeit ist, wurde in Deutschland fürchterliche Realität.

„Seit Bücher geschrieben werden, werden Bücher verbrannt“, stellt Erich Kästner treffend fest. Er war Zeuge der Bücherverbrennung, die am 10. Mai 1933 in Berlin als großes, öffentliches Spektakel zelebriert wurde; ihm wurde die zweifelhafte Ehre eines eigenen Feuerspruchs zuteil. In fast allen Universitätsstädten brannten an diesem Tag und an Tagen danach die Scheiterhaufen; allein in Berlin bestand dieser aus 20.000 Büchern. Brandredner waren Professoren, Bibliothekare, Germanisten, Politiker und Studenten. Urheber dieser „Aktion wider den undeutschen Geist“ war die „Deutsche Studentenschaft“. Bücherverbrennungen gab es immer, aber diese „Aktion“ ist unvergleichbar. Sie ist unvergleichbar in ihrer Organisiertheit und Größenordnung, in der Vielzahl der betroffenen kulturellen Sparten und dem Ausmaß des öffentlichen und staatlichen Interesses. Es läßt sich durchaus ein Zusammenhang zwischen diesem Fanal und den Verbrennungsöfen der Konzentrationslager sehen. Dass Heines Hassan aber einen derartig ungeheuerlichen Vernichtungszusammenhang prophezeien konnte, muß bezweifelt werden.

(Dr. Horstfried Masthoff)

März 2017: Ella Iranyi: Eigenexlibris, Holzschnitt

Ab Anfang März warten die meisten von uns auf erste Frühlingszeichen, erste frühe Blumen im Garten und erste frühe Blüten auf den Sträuchern. Erste wärmende Sonnenstrahlen, der erste Mensch im T-Shirt. Man kann es kaum erwarten. Die Farben auf einem Exlibris zum Thema Frühling müssten zart sein, ein helles Grün, Pastelltöne in Gelb, Rosa, Blau. Die Technik? Eine Farblithografie oder auch eine kolorierte Radierung vielleicht, möglicherweise ein farbiger Holzschnitt.

Aber ein Holzschnitt, schwarz und weiß? Eigentlich nicht. Denn der ist doch eher typisch für klare Strukturen und Formen, für expressive Stimmungen, eindeutige Aussagen. Da überrascht dann doch, dass Ella Iranyi ausgerechnet diese Technik für ihr Eigenexlibris gewählt hat. Und noch mehr überrascht es, wie frühlingshaft die Stimmung auf diesem Blatt geworden ist. Da flattern und fliegen und flimmern und flirren noch ganz zarte Blätter herum, als bewege sie ein leichter Windhauch. Wenn man genau hinschaut, dann nimmt man wahr, dass Ella Iranyi den überwältigenden Eindruck der endlich frühlingshaften Natur auch dadurch erzeugt, dass diese Blätter sowohl von oben nach unten zu wachsen scheinen, von den zarten Ästen der links sich aufrichtenden Birke herunterbaumeln, als auch von unten nach oben, also von einem Strauch in der Wiese zu eben diesen Ästen hin. Am unteren Bildrand befindet sich der Eignername, darüber wecken schlichte florale ornamentale Elemente Assoziationen an frühe Blumen.

Die Graphikerin, Buchillustratorin und Malerin Ella Iranyi wurde 1888 in Wien geboren. Sie erhielt in der Kunstschule für Frauen und Mädchen Wien Unterricht bei sehr namhaften Künstlern und studierte daraufhin noch in München an der Kunstschule. Zeitweise lebte sie in der Künstlerkolonie in Dachau. Sie konnte schon als junge Frau mit 20 Jahren erstmals ausstellen und beteiligte sich auch bei der großen Exlibris-Ausstellung 1911. Bis 1938 waren ihre Bilder und Grafiken in vielen bedeutenden Ausstellungen zu sehen, 1938 erfolgte dann eine Beschlagnahmung ihrer Werke. Die Künstlerin wurde 1942 nach Izbica deportiert und dort im gleichen Jahr ermordet.

Ihr Eigenexlibris, wie viele der knapp 30 bekannten Exlibris von Ella Iranyi in länglichem Format, ist zurzeit und noch bis zum 1. Mai in der Ausstellung Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.

(Ulrike Ladnar)

Februar 2017: Gershon A. Kravtsov (1906-1967) Exlibris für Oleg Popov, X2 1967

Oleg Popov (1930 – 2016) war neben Grock und Charly Rivel einer der großen Zirkusclowns. Er trat seit 1955 im russischen Staatszirkus und später im sowjetischen Fernsehen als Clown mit virtuoser Jonglage auf dem Schlappseil auf. Er trug kein traditionelles August-Kostüm, sondern war nur bunt, nicht grotesk, gekleidet und kaum geschminkt. Sein Markenzeichen: strubblige blonde Haare und die schwarz-weiß karierte Mütze. Seine Popularität war so groß, dass es sogar eine Schokoladensorte mit seinem Konterfei auf der Verpackung gab. 1982 gewann Popov beim Zirkusfestival von Monte Carlo den "Goldenen Clown" - den Oscar der Zirkusbranche

Er wurde der sonnige Clown genannt, der das Publikum in sein fröhliches Spiel einbezog. Über 60 Jahre lang stand er in aller Welt in der Manege und lebte zuletzt in Bayern.

(Klaus Thoms)

Januar 2017: Grzegorz Izdebski PF2017 für die DEG

Alles Gute für 2017!
Liebe Freundinnen und Freunde des Exlibris,

die DEG möchte den vermutlich im 15. Jahrhundert entstandenen, gegenwärtig etwas in den Hintergrund gerückten Brauch, Neujahrswünsche in künstlerisch gefertigter Form zu übermitteln, wiederbeleben.

Die PF-Grafik der DEG für das Jahr 2017 hat der polnische Grafiker Grzegorz Izdebski entworfen, ein Schüler Krzysztof Marek Baks. Das Thema ist Europa. Eine Schnecke zieht unermüdlich einen Wagen, gefüllt mit z.T. jahrhunderte- und jahrtausendealten Werken, geschaffen von bedeutenden europäischen Wissenschaftlern, Künstlern und Autoren. Sie repräsentieren die Wiege der Zivilisation und bilden den Ursprung unserer Kultur, auf deren Fundament wir Heutigen in die Lage versetzt werden, ein modernes Europa zu entwerfen und zu verwirklichen.

Eingedenk der Werte, für die Europa steht, wünscht der Vorstand der DEG allen seinen Mitgliedern das Allerbeste für das kommende Jahr, Glück, Gesundheit und Frieden!

Herzlichst
Dr. Henry Tauber
für den DEG-Vorstand

(Die Original-Grafik von Grzegorz Izdebski wird mit der nächsten Ausgabe der DEG-Mitteilungen an alle DEG-Mitglieder versandt.)

Dezember 2016: Konstantin Kalinovich für Isolde Kern, Radierung

Auf diesem Exlibris wird eine stimmungsvolle vorweihnachtliche Szene dargestellt. In gebirgiger Winterlandschaft stapft der Vater mit seinem kleinen Sohn durch den Schnee auf ihr Haus zu; in der rechten Hand hält der Mann eine soeben geschlagene Tanne, die später als geschmückter Weihnachtsbaum erstrahlen wird. Dem Graphiker ist es hier gelungen, eine Situation rührender Vertrautheit und inniger Verbundenheit zwischen Vater und Sohn bildlich einzufangen und auszudrücken: nach der gemeinsamen Arbeit im Wald werden sie nun gemeinsam das Weihnachtsfest begehen. Der Künstler Kalinovich hat mit dieser Radierung für seine Auftraggeberin, die bekannte Exlibrissammlerin Isolde Kern, ein graphisches Meisterwerk geschaffen. Es ist nicht nur technisch perfekt, es ist auch in dem diagonalen Bildaufbau und in dem nuancenreichen Spiel mit Grautönen ausgezeichnet.

Der 1959 in Russland geborene Konstantin Kalinovich lebt in der Ukraine (Lugansk). Er hat an der Ukrainischen Akademie der graphischen Künste studiert. Nach seinem Studium ist er freischaffend als Maler, Buchillustrator und Graphiker tätig. Mit dem Exlibris beschäftigt er sich seit 1985. Konstantin Kalinovich wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem ersten Preis der renommierten Exlibris-Biennale in Gliwice (Gleiwitz) im Jahre 2014.

(Dr. Horstfried Masthoff)

November 2016: Rudolf Rieß: Exlibris für Alice Aeberhard, Farbholzschnitt

Der Monat November ist mit seinen Nebel- und Regentagen die Zeit, in der man der Toten gedenkt. Exlibris zum „Memento Mori“, zum Gedenken an den Tod, sind ein beliebtes Sammelgebiet.

Barockdichter wie Andreas Gryphius thematisierten in ihrem Werk den Vanitas-Gedanken, nach dem die Herrlichkeit der Welt angesichts unserer Vergänglichkeit „eitel“ = müßig ist. Exlibris, die diesen Gedanken zum Ausdruck bringen, finden wir ebenfalls schon seit es Exlibris gibt.

Eine heutige Version des Themas in dieser Tradition hat unser Künstlermitglied Rudolf Rieß für unser Schweizer Mitglied Alice Aeberhard gefertigt.
Ein Narr jongliert mit schönen Dingen dieser Welt: einer blühenden Pflanze, einem prächtigen Folianten und einem geschliffenen Diamanten. Gewand und Schellen verraten, dass es ein Narr ist, der mit diesen Kostbarkeiten spielt. Und in der Ferne mahnt der Sensenmann. Man glaubt sich zurückversetzt in eine frühere Zeit, und dennoch ist die Frage nach dem Wert dessen, was uns lieb und teuer ist, auch heute aktuell.

Der traditionelle buchgerechte Farbholzschnitt zeigt, dass man auch in dieser Form – wenn auch epigonal – dennoch wirkungsvolle Bildkonstellationen schaffen kann.

(Heinz Decker)

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Oktober 2016: Igor Baranov für Cees Lith, 2016, 154 x158 mm, Radierung, handkoloriert

"Aleksandr Nevsky"

Die Form der Anordnung bezieht sich auf den christlichen Hintergrund des Protagonisten, welcher den russischen Zaren als Krieger darstellt.

Zudem war er einer der russischen Heiligen.

In der Mitte des 13. Jahrhunderts war es eine sehr harte Epoche der historischen Zeitgeschichte Russlands, da es von Feinden umzingelt war.

Die Tataren – Mongolen - kamen aus dem Osten an die russischen Grenzen (rechte Seite des Werkes) die Teutonischen Ritter zogen gegen die westlichen Grenzen Russlands (linke Seite des Werkes).

Russland stand unter Beschuss von beiden Angreifern zu beiden Seiten. Die rechte und die linke Seite des Werkes, zeigen, wie die zentrale Figur unter Druck gerät.

Letzten Endes gelang es Aleksandr Nevsky, dem russische Zar, durch einige wohl überlegte politische und militärische Aktionen sein Heimatland vor den Invasoren zu schützen.

(Elena Deeken)

September 2016: Frühes „redendes“ Exlibris

Anonym für Christoph Jacob Trew, Kupferstich, um 1750

„Redende“ oder „sprechende“ Exlibris sind Blätter, auf denen die Darstellung oder ein wesentlicher Teil des Dargestellten bildlich für den Namen des Eigners steht. Im Fall dieses Kupferstiches aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist unterhalb einer Kartusche mit zwei Wappen ein junger Hund mit Halsband vor eine weite Landschaft gesetzt. Darüber befindet sich der Wahlspruch „SIMVLARE NESCIT“ (Er kann nicht täuschen), eine schriftliche Verstärkung des Hündchens als Sinnbild für Ehrlichkeit und Treue. Auf dem Halsband finden sich die Initialen des Eigners: „C. J. T.“

Der Nürnberger Gelehrte Christoph Jacob Trew (Treue) (1695–1769) war Arzt und Botaniker, der eine bedeutende naturwissenschaftliche Bibliothek besaß, deren 34.000 Bände er testamentarisch der Nürnbergischen Universität Altdorf vermachte (die 1809 aufgelöst wurde). 1818 gingen herausragende Stücke der Sammlung an die Universitätsbibliothek Erlangen.

Über die Urheberschaft des prachtvollen Exlibris liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Da Trew selbst umfangreich naturwissenschaftlich publizierte und dazu eine Reihe von Künstlern für Illustrationen gewann, könnte der Kupferstecher unter diesen zu finden sein (z.B. Georg Lichtensteger (1700–1781), von dessen Hand tatsächlich mehrere Exlibris stammen).

Literaturauswahl: Friedrich Warnecke: Die deutschen Bücherzeichen (Ex-Libris) von Ihrem Ursprunge bis zur Gegenwart, Berlin 1890, S. 208 f.; Georg Meußgeier: Exlibris. Schätze aus vier Jahrhunderten. Aus der grafischen Sammlung Georg Meußgeier, Kronach 2013, S. 175; Claudia Valter: Kunstwerke im Kleinformat. Deutsche Exlibris vom Ende des 15. bis 18. Jahrhunderts, Nürnberg 2015, S. 72 f. (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Bd. 15).

(Henry Tauber)

August 2016: Minka Podhajská (A) für Josef Hladký, dreifarbiger Linolschnitt um 1910, 143 x 90 mm

Die Künstlerin ist auch in der großen Ausstellung KUNST FÜR ALLE zum Wiener Farbholzschnitt um 1900 in der Frankfurter Schirn (bis Oktober 2016) vertreten.Dieses Blatt habe ich für den Sommermonat ausgewählt, weil es für mich alles ausdrückt, was man sich von einem schönen Sommertag ersehnt: eine Natur, die einen mit einem Blütenmeer und Vogelgezwitscher umfasst, eine Flut von Licht, Leichtigkeit.

Das Exlibris zeigt eine junge Frau, die ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hält; sie steht in der Mitte des Blattes, dessen Figuren, Ornamente und Schrift beinahe achsensymmetrisch komponiert sind. Sie steht in einer hochstilisierten Landschaft, man meint Blumen und Bäume zu sehen, obwohl man bei genauem Betrachten eher abstrakte Gestaltungselemente wie Andeutungen floraler Strukturen und Farbkleckse erkennt. Sie ist umschwirrt von Vögeln, die um sie herumfliegen. Die junge Frau und ihr Buch sind vollkommen eins mit der sie umgebenden sommerlichen Natur. Sie teilen quasi kompositionell ihre Formelemente und ihre Farben, wodurch sie untrennbar verbunden zu sein scheinen. So könnten die beiden breiten grünen Streifen im unteren Bilddrittel sowohl das Kleid der Frau abschließen als auch Rasenstreifen oder Beete darstellen, auf denen sie steht. Selbst der Textteil unten ist in die Farb- und Formkonzeption eingebunden.

Die Künstlerin Minka Podhajská (Wien 1881 – 1963 Prag), besuchte die damals für die künstlerische Ausbildung junger Frauen äußerst bedeutsame Kunstschule für Mädchen und Frauen in Wien. Schon als Schülerin konnte sie in der herausragendsten Publikationen der Wiener Secession, der Zeitschrift Ver Sacrum, Arbeiten veröffentlichen. In den Jahren 1906 – 1918 entwarf sie 19 Exlibris1. Im Jahre 1919 übersiedelte die Künstlerin nach Prag, wo sie ihren Arbeitsschwerpunkt auf Kunst für Kinder, beispielsweise Entwürfe für Holzspielzeug und Illustrationen von Kinderbüchern, legte.

Der ungefähr gleichaltrige Eigner Josef Hladký (1885-1960) war ein tschechischer Buchhändler, Verleger, Mitbegründer des Magazins bibliofil, Herausgeber, Hochschullehrer, Buchkünstler, Typograf und Sammler, u.a. von Exlibris. Er besaß viele eigene Buchzeichen tschechischer Künstler, u.a. von Josef Váchal, Stanislaus Kulhanek, Frantisek Kobliha, Josef Hodek usw.

1 Diese Information sowie mehr zu Leben und Werk Minká Podhajskás in: Claudia Karolyi und Alexandra Smetana: Aufbruch und Idylle. Exlibris österreichischer Künstlerinnen 1900-1945, Wien 2004, S.138-139.

(Ulrike Ladnar)

Juli 2016: 400 Jahre Shakespeare

Jürgen Czaschka (A/D) für Marina Stappen, Kupferstich, 2000

William Shakespeare, Macbeth: Die Prophezeiung der Hexen (Akt 1), Lady Macbeth nach dem Mord an Duncan (Akt 2), Ermordung Banquos (Akt 3), die brutale Macht des Königspaars und deren Untergang – der Wald von Birnam kommt zur Burg Dunsinane (Akt 5)

Das Blatt ist auch in dem neuen Exlibris-Portal der Stadtbibliothek Mönchengladbach vermerkt:
Exlibris-Portal: http://exlibrisportal.moenchengladbach.de/

(Heinz Decker)

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